FÜNF  MINUTEN  STADT : Im Zoo

Markus Langenstrass

Die zigste Wohnungsbesichtigung im Norden von Friedrichshain. Die Stadt wird wirklich enger. Der Blick in die Besichtigungsrunde zeigt: Auch diese Leute suchen schon länger. Drei Pärchen sind da, verschieben Sofas, begutachten den begehbaren Kleiderschrank und versuchen, nicht auf die Bestandteile des Kleintierzoos zu treten, den die Noch-Mieter in ihrer Maisonette im vierten Stock gezüchtet haben. Ein ziemlich speckiger Hund freut sich über die Abwechslung, drei Katzen sind hier die wahren Chefs und planen aus einiger Entfernung den Angriff auf die Besuchergruppe. Die Meerschweinchenfamilie im Riesenkäfig stellt sich tot, einige wurden schon von den Katzen gefressen. „Sehr gemütliche Wohnung“, versucht eine Pressereferentin den Claim abzustecken. Wer einziehen will, muss sich hervortun, beim Tierfreund könnte die Entscheidung vom Vierbeiner getroffen werden. Die Frauen scheinen das verstanden zu haben. Sie stürzen sich auf den von Zotteln blinden Hund, während die Männer nach Spülmaschinenanschlüssen fahnden und auf Rigipsplatten klopfen. Quieken im Untergeschoss! Ein Konkurrent weniger. Ein Verwaltungsangestellter hat Schimmelspuren im Bad entdeckt, der Pflegemanager muss sich mit einem Ächzen aufs Bett setzen. An der Wand hängen kleine Bilder von nackten Frauen. Die kleinste Katze greift meine Ledertasche an. Ja fein, so eine liebe Katze … Entscheidung bis Dienstag. Markus Langenstrass

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