FÜNF  MINUTEN  STADT : Jägermeister Energy

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Samstagnacht um drei. Überall Partyvolk auf der Warschauer Brücke. Es trinkt, juchzt, lacht. Ich bekomme davon fast nichts mit, bin eingemauert in eine Wand aus lautem Frust. „Wir lassen unser Geld hier, und dann behandeln sie uns so“, knallt es mir von links in ratterndem Spanisch gegen den Kopf. „Ich fühle mich abgewertet und minderwertig“, kommt es von rechts. Die beiden Mädchen aus Valencia haben sich in Rage geredet. Darüber, wie die Türsteher sie nicht in den Club lassen wollten. Diese Nazis. Nur, weil sie in der Schlange Spanisch gesprochen haben. Und darüber, wie ihnen zwei Deutsche auf einer Party vorhielten: „Wir bezahlen eure Schulden.“

Heftig gestikulieren die beiden Mädchen, der Wind auf der Brücke lässt ihre langen Haare flattern und ihre kurzen Röcke emporfliegen. Ihre Stimmen überschlagen sich: „Warum tun sie das? Bei uns kommt jeder in die Disko!“ Der Stolz einer ganzen Generation wird hier verhandelt. „Wir sind nicht faul, wir studieren hart“, beteuert das Mädchen zu meiner Linken und löscht ihre Wut mit dem Rest aus der kleinen Plastikflasche in ihrer Hand. Jägermeister Energy. „Warum denken alle so schlecht von uns?“ Wir biegen ein in die Revaler Straße. „Verdeckt mich mal“, sagt eine der beiden plötzlich und hockt sich zwischen die Autos. „Gleich bin ich dran“, sagt die andere. Nacheinander pinkeln beide gegen eine Karosserie aus Bayern. Nantke Garrelts

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