FÜNF  MINUTEN  STADT : Kamelle gegen Kino

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Sonntagmittag in der U2. Am Zoo verliert die Stadt ihr schläfriges Gesicht: Eine Spinne steigt ein, dazu eine Biene, gefolgt von drei Feen, vier Cowboys und Darth Vader. Es riecht nach Süßigkeiten – und nach Kindern, die zu viele Süßigkeiten in sich haben. Außerdem nach dem leichten Bierdunst eines Elternpaars, das jetzt, da der Karnevalszug vorbei ist, verschämt die Alibiverkleidungen verschwinden lässt: lila Hütchen mit Plastikaugen drauf. Es riecht nach Heimat – nicht gut, aber vertraut, eher muffig als urban; nach dem ganz tiefen Westen, hier im Osten, im Westen Berlins. Wenn jetzt noch jemand sänge – dass die 18 heute bis nach Istanbul fährt oder Besseres! Aber das ist kaum gedacht, da verschwindet das Gros der Kostümierten am Wittenbergplatz in Richtung Vororte. Zurück bleiben nur noch ein paar mit Tüten voller Bonbons, die meisten aber ohne Kostüm: Männer mit ernstem Gesicht, Versorger eher als Hedonisten. Am Gleisdreieck steigen auch sie aus. Andere steigen ein, viele haben die roten Beutel der Berlinale bei sich. „Vor diesem Müll ist man echt nirgendwo ...“, sagt einer, während sein Blick einer dicklichen Prinzessin folgt, die am Arm ihres Vaters zur U1 hochhastet. Er verstummt, als er die Frau mit den knallblauen Haaren sieht, die nun wirklich letzte verbliebene Karnevalistin im Wagen. Die lächelt milde und lässt ihre Frisur unter einer Mütze verschwinden. Als sie am Potsdamer Platz aussteigt, rascheln in ihrem Berlinalebeutel die Kamelle. Johannes Schneider

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