FÜNF  MINUTEN  STADT : Knarzen vor Gott

von

Lange nicht mehr hier gewesen. In dieser Welt der untergehenden Amtskirche, der der Tod in die zerfurchten PVC-Böden geschrieben ist. In diesem Gemeindehaus irgendwo in Berlin, wo die Sitzreihen auch heute, zum festlichen Weihnachtskonzert am vierten Advent, halb leer bleiben, gibt es kein Werden, nur ein langsames Vergehen. Die letzten Verbliebenen einer alten Welt singen sich heiser: die fromme Kirchenmusikerin mit ihrer pflegeleichten Kurzhaarfrisur. Der promovierte Kirchenvorstand in Strickweste und Hochwasserhose. Seine unauffällige Frau. Eine selbstverliebte Sopranistin. Der Küster, der die Sopranistin anhimmelt. Der Leiter der Jungschar, inzwischen auch schon jenseits der dreißig. Die alten Damen – drei von ihnen haben bis jetzt überlebt. Und ich, der Rückkehrer. Wie weit weg das hier von allem ist, was heute ist, was da draußen ist. Dort, wo es eigentlich keinen Platz mehr gibt für Leute wie diese, Dilettanten allesamt, Musiker, so schlecht wie hingebungsvoll vor ihrem Gott. Solange es sie gibt, denke ich, während es um mich her hausmusikend knarzt und quietscht, wird es ihn geben. Für sie, durch sie. Das rührt mich ebenso wie der kleine Weihnachtsbaum in der Ecke neben dem verstimmten Flügel, den ich unwillkürlich mit anderen in der Stadt vergleiche, die dort stehen, wo Geld ist und Leistung. Am Ende singen wir gemeinsam „O du fröhliche“ – auch der stolze Gassenhauer klingt hier brüchig, zum ersten Mal in meinem Leben. Johannes Schneider

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar