FÜNF  MINUTEN  STADT : Lecker Miss

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Gemüse-Kebap an der Schönhauser Allee. Wartezeit hier nur fünf statt anderswo 30 Minuten. Dennoch Zeit genug für ein kleines Schauspiel. Person 1: Türkischer Döner-Verkäufer, weiße Kappe, weißes T-Shirt. Person 2: Junger arabischer Berlin-Besucher, schwarzes Shirt, weiße Jeans, Silberkettchen, Kevin-Kuranyi-Bart. In der Hand: eine dünne Plastiktüte mit zwei Paulaner-Flaschen. Man spricht Englisch. Brockenweise Arabisch. Feines Palaver. Verkäufer (nach arabischen Worten suchend): „Habibi! Habibi!“ Kunde (lachend): „Ah, yes, yes!“ Verkäufer: „You have Bakschisch for me?“ Kunde (dramatisch verzögernd): „Hm... maybe.“ Verkäufer (am Spieß säbelnd): „It’s simple: Bakschisch – good man. No Bakschisch – bad man.“ Kunde kramt, lässt zwei Zwei-Euro-Stücke auf den Tresen klimpern. Verkäufer (Luftkuss gebend): „Good man!“ Kunde (plötzlich philosophierend): „No money, no honey.“ Grüßt und setzt sich essend auf eine der Bänke. Kurzer Moment der Stille. Dann hält direkt neben ihm ein roter Polo. Offene Fenster, blonde junge Frau am Steuer. Arabischer Tourist (brüllend, flirtend): „Hello! Miss! You are lecker!“ Lautes Lachen. Immerhin: auch im Polo. Tourist (gestikulierend, mutiger): „I swear, if you come here, I will...“ Bereits abgebogener Polo. Araber isst seinen Kebap, trinkt sein Bierchen. Und schaut im alternativen Reiseführer mit den Insider-Tipps (Gemüse-Kebap! Bier vom Späti!), was als Nächstes auf dem Programm steht.Johannes Ehrmann

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