FÜNF  MINUTEN  STADT : Manne

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Zum Fototermin in eine Eckkneipe in Wedding. Kippenmuff, grau gerauchte Spitzengardinen. Die Stammgäste schauen von ihren Biertulpen auf. Irritierte Blicke, Gemurmel. Die Wirtin aber gibt ihr O.K.: „Klar könnt ihr knipsen.“ Der Fotograf baut seine Blitze auf, drapiert die beiden jungen Berliner, die abgelichtet werden sollen, um einen Holztisch. Es blitzt. Einmal, zweimal. „Hört sofort auf damit!“, kommt es aus der Ecke. Ein weißhaariger Mann sitzt mit weit aufgerissenen Augen auf seinem Stuhl und schreit: „Lasst diese Scheißfotografiererei, ick kann ditt nich ab.“ Er befiehlt seinem Dackel, die ungebetenen Gäste zu beißen, der Dackel dreht sich im Kreis. Verwirrter harmloser Dackel. Harmloser alter Mann. Doch die Wirtin schreitet ein: „Manne, sei still jetzt!“ Manne sagt erst mal nichts mehr. Dann kommen wieder die Blitze. Zack, Zack, Zack. „Nein! Nicht! Die Gammastrahlung! Hört auf!“ Manne hält sich den Unterarm vors Gesicht. Wütende Wirtin: „Manne, halt deine Fresse!“ Und in die andere Richtung: „Gestern ging er noch.“ Manne sitzt, schweigt und schaut aus großen Augen. Er sieht traurig aus. Das Shooting ist vorbei. Plötzlich steht Manne am Tisch. „Nüscht für unjut“, sagt er, nun ganz ruhig, „aber ich lass mich nicht gern fotografieren.“ Kein Problem, keiner nimmt es ihm übel. Manne sagt: „Ich war 15 Jahre Aufseher in Bautzen. Kennt ihr bestimmt gar nicht mehr. Wie? Na ja, ja, hängt mir bis heute nach, könnt ihr mir glauben. Also, nüscht für unjut.“ Johannes Ehrmann

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