FÜNF  MINUTEN  STADT : Milde Luft

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Reichpietschufer, bei den neuen Botschafterhäusern. Die Sonne schafft es gerade noch über die Häuser, der Sonntagabend färbt sich golden. Im Wildwuchs vor einem Zaun lagert ein Obdachloser. Er trägt kurze Hosen, eine rote Schirmmütze, Sonnenbrille, neben ihm lehnt ein großer Wanderrucksack. Er sitzt da, die Beine ausgestreckt, ganz entspannt. Dann steht er auf, schlendert zur Straße. Bleibt auf dem Gehsteig stehen, blickt auf den Landwehrkanal, auf die alten Bäume am Ufer. Es ist nicht besonders still, Stadtgeräusche, Motorgebrumm von irgendwo, ein bisschen Wind in den Zweigen. Der Mann holt aus wie ein Speerwerfer, lenkt die Kraft im letzten Moment nach unten – die Bierflasche zerplatzt auf dem Asphalt. Ein trockenes Klirren, das die Nicht-Stille deutlich übertönt. An der Bushaltestelle nebenan steht ein älterer Herr im Anzug, steht und guckt, reglos. Ein paar Autos kommen angefahren, der neue Schwung von der letzten Ampel, sie rollen über die Scherben, es kracht, knackt, knirscht. Der Obdachlose geht zurück auf sein Deckenlager, lehnt sich an den Zaun, streckt die Beine aus. Milde Luft. Er holt eine Zeitung hervor, schlägt sie auf, Sonnenbrille und Schirmmütze verschwinden hinter bunten Anzeigenkästchen. Von der Straße her knirscht es. Ein Vogel zwitschert. Der ältere Herr ist weitergegangen. Im Hintergrund, am Balkongeländer eines der schönen weißen Neubauten, hängt ein grünes Schild: „Zu vermieten.“ Jan Oberländer

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