FÜNF  MINUTEN  STADT : Neuköllner Routine

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Ein Samstagabend, träge dümpelt die Uhr gen Mitternacht, da ist es mal wieder so weit: „Hallo, ich werde verprügelt“, ruft eine Stimme von draußen. Zwei Männer vor einer Bar im Faustkampf, patsch, die gestreckte Linke im Gesicht des Rufenden, sein Konter auf die Niere lässt den Könner erahnen. Ob bitte ein Anwohner so gut wäre, die Polizei zu informieren, ruft er jetzt, er komme derzeit nicht dazu. Und so geht man zum Telefon und bestellt das Aufgebot, ganz der dienstfertige Geist, auf gute Nachbarschaft und alles.

Und die nette Dame am anderen Ende der Leitung nimmt die Bestellung auf – ob die Männer denn Keulen hätten, fragt sie noch, Baseballschläger etwa. Durchaus entrüstet verweist man darauf, dass es sich hier um einen Faustkampf handele und man nicht aus Lichtenberg anrufe.

Und ein paar Minuten später dann die Sirenen, eine frühe Warnung, und deshalb trennen sich jetzt die zwei Boxer, einer nach links, einer nach rechts, und von vorne schwenkt nun – perlenkettengleich – die blinkende Kolonne in die Straße ein. Die Polizisten steigen aus – und alle sind sie wieder mit dabei: der große Starke mit der Glatze, die Junge aus der Azubistaffel und der Chef, die alte Hundelunge, mit dem routinierten Gang. „Hallo, Jungens“, sagt jetzt der alte Mann, der mit Pfeife vor der Bar steht, „die sind schon alle weg.“ Und so reist auch die Kolonne wieder ab und man schließt das Fenster und geht schlafen.Tiemo Rink

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