FÜNF  MINUTEN  STADT : Offenbarungen

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Ein kühler Abend vor dem Einkaufszentrum am Potsdamer Platz. Die Geschäfte haben längst geschlossen. Aus einer Bar, in der Sportsendungen laufen, dringt Geschrei, es ist wohl gerade ein Tor gefallen. Hier draußen vor dem Seiteneingang, der zu den stillgelegten Riesenwippen führt, haben drei junge Männer, vielleicht 18 Jahre alt, ein stilles Örtchen gefunden. Alle tragen teuer wirkende Skaterklamotten, ihre Haare haben sie kunstvoll ins Gesicht gekämmt. Einer hält in der Mitte des Bürgersteigs Wache, die Hände in den Hosentaschen. Die beiden anderen stehen mit dem Gesicht zur Centerwand und erleichtern sich. Einer hat sich etwas versetzt hinter dem anderen postiert, so dass man sich unwillkürlich fragt, ob Hose und Schuhe des Vorderen wohl trocken bleiben. Offenbar ist es der richtige Ort und die richtige Zeit für Offenbarungen: „Ey, der Psychiater von meinen Eltern“, sagt der Vordere mit leicht schwankender Stimme. „Ich krieg so viel mit. Alles, was die besprechen. Die ganzen Probleme. Ihr glaubt das nicht, mein Gehirn ist total zerstört.“ Dann schließt er seinen Hosenschlitz. Die beiden anderen Jungs nicken wissend und mitleidig. Drinnen jubeln wieder die Sportfans. Daniela Martens

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