FÜNF  MINUTEN  STADT : Pflasterstrandparty

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Bretonische Lieder erklingen mitten in Neukölln. Ein junger Mann, vielleicht 30 Jahre alt, spielt sie auf einer Harmonika und tänzelt dazu auf dem Kopfsteinpflaster der Boddinstraße, er trägt Blue-Jeans, schwarze Daunenjacke, graue Mütze und schwarze, fingerlose Handschuhe. Der Himmel strahlt blau, der Mann blinzelt und lächelt, die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Am Straßenrand liegen graue Schneehaufen, es ist kalt, keine drei Grad über Null, in der Sonne. Das erste Fenster öffnet sich, hinaus beugt sich ein mittelalter Mann in Trainingsanzug, mit dunklem Vollbart und Halbglatze. Er schaut nach links, nach rechts. Als er den jungen Musiker hinter einem Auto entdeckt, macht er das Fenster rasch zu. So rasch, dass man denken könnte, er habe Angst, selbst von dem jungen Mann entdeckt zu werden. Das zweite Fenster öffnet sich. Dahinter steht eine junge Frau. Auch sie zieht sich zurück, sobald sie den Musiker erspäht hat. Fünf weitere Fenster öffnen und schließen sich innerhalb kurzer Zeit. Da läuft eine junge Frau mit einem kleinen Jungen an der Hand die Straße hinunter. Der Musiker winkt ihr und dem Kind zu. Die beiden winken zurück. Dann greift die Frau in die Manteltasche und holt ihr Portemonnaie heraus. Der Musiker schüttelt den Kopf und ruft der jungen Mutter zu: „Es ist Frühling. Und ich bin meine Winterdepression endlich los.“ Er lächelt – und dreht sich weiter auf dem Kopfsteinpflaster.Veronica Frenzel

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