FÜNF  MINUTEN  STADT : Piccolo

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Eine Frau betritt das Abteil im ICE von Frankfurt nach Berlin. Sie ist vielleicht Anfang sechzig, trägt Perlenohrringe und rosa Kostüm. Die Haare sind akkurat kinnlang, die Lippen nachgezogen. Sie setzt sich an einen Vierertisch, ihr gegenüber ein junger Mann mit Bart, Kopfhörer in den Ohren. Die Frau riecht nach Alkohol. Nach einiger Zeit zieht sie eine Piccolo-Flasche Sekt und Plastikbecher aus ihrer Handtasche. „Wollen Sie auch?“, fragt sie den Mann. Er lehnt ab, nimmt aber die Musik aus den Ohren. „Gibt es etwas zu feiern?“, fragt er höflich. „Ja“, sagt sie. „Ich fahre in die Hauptstadt, ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr da. Ich bin total aufgeregt.“ Er lächelt. Sie: „Als ich das letzte Mal dort war, stand die Mauer noch, ich war da mit meinem Mann.“ Und dann, nach einer kurzen Pause: „Heute besuche ich eine Freundin. Wir feiern meine Scheidung.“ Das Wort platzt ins Abteil. Andere Fahrgäste, die bisher zugehört haben, schauen jetzt weg. „Scheidung“, wiederholt die Frau laut. Sie beginnt zu weinen. Und sagt dann, leiser: „Das ist doch nicht zu fassen. Dass mir das passiert. Oder?“ Sie schaut den jungen Mann an, fast bittend, wischt die Tränen weg. Er zuckt mit den Schultern, was soll er sagen. Sie holt tief Luft, lächelt ein wenig schief und sagt: „Aber Berlin, immerhin!“ Da greift der Mann doch zu: Sekt im Plastikbecher. Auf Berlin, immerhin. Elisa Simantke

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