FÜNF  MINUTEN  STADT : Pssst!

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Staatsoper Unter den Linden. „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart wird aufgeführt. Oder, wie Eingeweihte sagen: „gegeben“. Diese Eingeweihten, sie tragen Garderobe, nicht bloß Kleider. Sie lesen ihre Programmhefte nicht, sie studieren sie. Und sie sagen, wenn sie mal für kleine Eingeweihte müssen und sich durch die Reihen quetschen, „Pardon“ statt „Entschuldigung“. Wer nicht eingeweiht ist, dem wird vom Geruch nach Fuchsstola, Cognac und Großmutterparfüm schwarz vor Augen, noch bevor das Licht erlischt. Plötzlich Unruhe auf dem Rang – eine Busladung Realschüler auf Klassenfahrt drängt herein. Ihre Gesichter zeigen: Sie wollen nicht hier sein. Sie wissen nicht, was Oper ist, aber sie hassen sie. Nur ihre Lehrerin lächelt kunstsinnig. Die Vorstellung beginnt, die Schüler tun, was Schüler tun müssen: Sie langweilen sich. Holen Telefone heraus. Knistern mit Brötchentüten und Hiphop-Daunenjacken. Lachen, flüstern, rülpsen, atmen – stören. Schon durchschneidet das erste „Pssst“ die schwüle Luft wie ein in Großmutterparfüm getauchter Giftpfeil. Krieg ist in Verzug. Auch Mozart unter den Opfern. Dann, in der Pause, ein Akt der Diplomatie: Eine Eingeweihte steht auf und dreht sich zu den Schülern um. „Liebe Kinder“, sagt sie, „nun hört doch wenigstens mal hin. Der Tenor wird in ein paar Jahren ein Star sein!“ Der Klassensprecher steckt sich eine Kippe hinters Ohr. Sich zum Gehen abwendend sagt er: „Wir sind nur noch diese Woche in Berlin.“ Dirk Gieselmann

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