FÜNF  MINUTEN  STADT : Rauchwolken

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Übers Marmarameer nähert sich das große Schiff dem Bosporus. Rechts liegt Asien, links Europa. Zum ersten Mal Türkei, zum ersten Mal Istanbul. Vorfreude auf die Hagia Sophia, den Topkapipalast, auf Geschichten aus Konstantinopel, aus dem Byzantinischen und dem Osmanischen Reich … Schön, so weit weg zu sein von daheim. Abends geht es von Bord, auf zur ersten Stadtrundfahrt. Im Ausflugsbus sitzen viele Österreicher, auch Schweizer, das hört man am Akzent, der gesamte deutschsprachige Raum ist hier vertreten. „Guten Abend“, sagt die türkische Stadtführerin. Kaum ist der Bus aus der Hafenausfahrt heraus, deutet sie auf einen Rasenstreifen am Wasser, von dem aus kleine Rauchwolken in den Nachthimmel steigen: „Sehen Sie, wie fröhlich die Menschen da noch am späten Abend grillen? Das gehört einfach zu unserer Kultur.“ Und fügt sogleich anklagend hinzu: „Aber im Tiergarten in Berlin ist das ja jetzt verboten.“

Am nächsten Tag im „Großen Basar“ sind die Verhandlungen über eine bunte Kette beinahe zu allseitiger Zufriedenheit beendet, als der Verkäufer leutselig fragt, woher man denn komme. „Aus Deutschland, aus Berlin.“ Darauf er mit verfinsterter Miene: „Doch hoffentlich nicht aus Tiergarten?!“ Auf das zerknirschte „Doch“ hin erhöht er den zuvor beständig gesunkenen Preis umgehend um zehn türkische Lira. Erst nach dem Bekenntnis, gegen das Grillverbot zu sein, werden sie wieder abgezogen.Elisabeth Binder

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