FÜNF  MINUTEN  STADT : Total verbürgerlicht

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Schöneberg, Bülowbogen, Lieblingsort: am Tisch unterm Schultheiss-Schirm. Sechsspurig umfließt die Bülowstraße vor unseren Augen den Dennewitzplatz. So beruhigend: das Leben, das – bewegt – uns – sitzend – nicht behelligt. Doch was ist das? Da hält ein Honda – und fünf Minuten später ist die Welt voller Fragen: Ist es effizient, wenn X mit dem Auto voller Plakate von Laterne zu Laterne fährt – und dort immer auf Y wartet, der mit der Leiter zu Fuß hinterherhechelt? Und was verspricht sich die CDU davon, dass Dr. Jan-Marco Luczak nun vom Mast glotzt? Aber keine Zeit, da kommen die nächsten: er und sie, jünger, Plakate und Leiter auf Gepäckträgern. Man ahnt: Auch ohne die hier fehlende Fußgängerampel wird’s jetzt grün. Aber, ach: Dr. Jan-Marco Luczak hält ja den Königsplatz besetzt – im Blickfeld, doch nicht in Reichweite der Passanten. Zögern bei den Plakat-, Rufe von uns Kneipenhängern: „Run-ter-schnei-den! Run-ter-schnei-den!“ „Habt ihr vielleicht ’ne Schere?“, fragt er uns, während sie schon das eigene Plakat unter dem anderen platziert, die schwarz-grüne Ampelkoalition dann als Ganzes eine halbe Plakatlänge in die Höhe schubst. Und wir? Wir reden nicht mit Leuten, die nicht wissen, dass guter Draht teuer und mit einer Schere kaum zu knacken ist. Nur über sie, wenn sie gegangen sind: „Diese grüne Jugend ist...“ „...total verbürgerlicht...“ „...wir hatten immer...“ „...einen Bolzenschneider...“ Was man so redet, wenn es einem zu gut geht. Johannes Schneider

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