FÜNF  MINUTEN  STADT : Trauerränder

von

Handwerker hat man wie andere Menschen die Grippe: Man wagt sich nicht aus dem Haus und wartet auf Besserung. Und die Stunden vergehen, und man ruft bei der Firma an und fragt, ob denn da noch jemand komme, und erfährt so nebenbei, dass da heute niemand mehr komme. Und ein zweiter Termin wird vereinbart, das Zeitfenster von acht Uhr morgens bis irgendwann, leider nicht einzugrenzen.

Und schließlich ist es Mittwoch, als ein maroder Kleinbus vor dem Haus im Wedding zum Stehen kommt. Ihm entsteigen zwei Menschen, er eine Silikonpistole, sie ein Klemmbrett. Und während man sich fragt, wie mit derlei Ausrüstung ein gesprungenes Waschbecken ersetzt werden kann, stellt sich heraus, dass die das auch nicht wissen, sondern nur Fugen abdichten dürfen, hier ein Klecks, dort ein Streifen, und ansonsten bleibt alles, wie es ist.

Und ob man sich nicht vielleicht doch absprechen könne, auch für künftige Termine, fragt man dann. Aber wir dürfen nicht telefonieren, Anweisung vom Chef, sagt sie und reicht einem das Klemmbrett mit einem Formular. Da bittet die Geschäftsleitung um Notenvergabe, ob die Arbeiter freundlich waren und auch sauber. Und man sieht sie an, die Verlegenheit in den Gesichtern, und fragt sich kurz, ob man jetzt die Fingernägel auf Trauerränder überprüfen soll und fragt sich etwas länger, was für Chefs das wohl sind, und es ist Mittwoch und in einer Woche ist 1. Mai. Tiemo Rink

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben