FÜNF  MINUTEN  STADT : Two Euros thirty-nine

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Sonntagabend in Berlin, die schwüle Luft des Tages liegt immer noch dick auf der Haut. Der Spätkauf auf der Torstraße, an dessen Wand immer noch und schon wieder die Nadelbaumgirlandenattrappe mit Lametta hängt, ist voll von Menschen. Mittendrin sechs Spanier. Bestes Partyalter, mit Kinnbärten und Turnschuhen. In den Händen halten sie Bierflaschen, jeder von ihnen hat sich zwei genommen, alle haben sehr patriotisch eine spanische Marke gewählt. Sie lärmen und lachen, der nächste Park ist nicht weit, und durch das durchsichtige Flaschenglas schimmert ihr heimatliches Cerveza wie flüssiges Gold. Jetzt müssen sie nur noch zahlen. „How much?“ fragen sie und strecken die Pullen dem Mann an der Kasse entgegen. „Two Euros thirty-nine with Pfand“, erwidert der Verkäufer. Erschrocken lassen die Spanier die Flaschen sinken. Es ist, als habe jemand den Lautstärkeregler heruntergedreht. Die jungen Männer wispern jetzt nur noch, dann stellen sie einer nach dem anderen die Flaschen zurück und gehen mit leeren Händen hinaus auf die Straße. Zurück bleibt der Verkäufer. Vielleicht hätte er das mit dem Pfand noch besser erklären müssen, vielleicht hätte aber auch das keinen Unterschied gemacht. Direkt neben der Kasse liegt die aktuelle Ausgabe des „Spiegel“. „Der Absturz Spaniens“ steht gleich links oben auf dem Titelblatt. Verena Friederike Hasel

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