FÜNF  MINUTEN  STADT : Ungleicher Kampf

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Alt-Neukölln gegen Neu-Neukölln vor den Arcaden an der Karl-Marx-Straße. Ein junger Mann, knapp zwei Meter lang – mit Hipster-Insignien: Tight-Jeans zu zu tief Ausgeschnittenem, Bart und Jutebeutel – steht an der Ampel. Ein Mann, etwa 40, Typ Malocher, verschwitzt, Filterlose im Mundwinkel, rennt auf ihn zu: „Verdammt, du Hurensohn, ich hab gesagt, geh da weg!“ Der Akzent: osteuropäisch. Der Auslöser für den Streit: ungewiss. Gewiss nur, dass es hier gleich knallt, und zwar richtig. Der Alt-Neuköllner packt den Neu-Neuköllner am Kragen. Er muss hochschauen, zwei Kopflängen trennen die beiden Männer. Der Alte schlägt aufwärts, dem Jungen mit offener Hand ins Gesicht. Der Junge, perplex, weiß offenbar nicht, was er tun soll. Nichts in seinem Leben in, sagen wir, der ostwestfälischen Provinz scheint ihn darauf vorbereitet zu haben, hier am helllichten Tag auf die Schnauze zu kriegen. Das hier ist keine Klopperei mit dem Jan-Lennart, damals, im Herforder Kindergarten, Ende der 80er. Keine Gewalt, das merkt er jetzt, während die Schellen auf ihn einprasseln, ist auch keine Lösung, zumindest nicht sofort. Aber er steht es durch, stoisch, bis der Alte von ihm ablässt. Der Neu-Neuköllner geht weg. Schaut sich noch einmal um. Ein paar Jahre noch, scheint sein Blick zu sagen, dann sind hier die letzten Wohnungen kernsaniert. Alt-Neukölln wird es dann nicht mehr geben. Dominik Drutschmann

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