FÜNF  MINUTEN  STADT : Unsere Werte

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Taxitüren auf und rein ins Warme. „Hallo. Rügener Straße, am besten die Brunnenstraße hoch.“ – „Ja, okay, kenn ich. Kein Problem.“ – „Super.“ Zwei Arten von Taxifahrern nur gibt es: die Schweiger. Und die Stakkato-Redner. Immer schnell klar, welche es ist. „Wirklich Wahnsinn“, sagt unser Fahrer, eine Nachricht aus dem Radio aufgreifend, zwei Männer sind aus ihrem Auto ausgestiegen und haben einen anderen verprügelt, mitten auf der Kreuzung, so in etwa, wir haben nicht genau hingehört. „Das geht nicht mehr lange gut mit denen“, sagt der Fahrer. „Können die sich nicht an die Regeln hier halten? An unsere Werte?“ Grimmig drückt er aufs Gaspedal, wir rauschen die Brunnenstraße hoch, über die Bernauer. „Guck dir doch die Scheiße an!“, sagt der Taxifahrer und zeigt mit verächtlicher Geste auf ein blinkendes Casino. „Davon machen die eins nach dem anderen auf, alles Geldwäsche. Ekelhaft. Diese Penner.“ Er schüttelt verächtlich den Kopf, zieht etwas Rotz hoch, als wolle er gleich ausspucken. Draußen stehen ein paar Jugendliche an der Ampel. Das Fenster ist zu. „Wisst ihr, manchmal schäme ich mich wirklich für Deutschland“, sagt der Taxifahrer, als er den Wagen kurz darauf vor unserm Haus zum Stehen bringt. Was antworten? Keine Ahnung. Lieber nur eine Frage: „Und Sie, woher kommen Sie denn?“ Der Taxifahrer dreht sich um. „Ich bin Syrer“, sagt er, dreht sich wieder nach vorne und tippt auf den Taxameter. „Macht dann neun zwanzig.“ Johannes Ehrmann

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