FÜNF  MINUTEN  STADT : Viel zu lieb

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Montagabend, eine Supermarktkasse am Neuköllner Hermannplatz. Erdojan, vielleicht fünf Jahre, leicht verstimmt: „Aber ich möchte doch bitte ein Überraschungsei.“ Seine Mutter, tief liegende Augen, Zweifarbenfrisur: „Nein, mein Lieber. Du warst heute etwas unartig. Beim nächsten Mal wieder gerne.“ Erdojan, Bommelmütze, einsichtig: „Na gut. Aber trotzdem: Man, man, man – und nochmals man!“ Ein Hauch von Habermas weht durch den Kassenbereich, hier gilt die Kraft des besseren Argumentes. Yildiray ist Erdojans Bruder, vielleicht drei und damit für Diskurstheorien etwas zu jung. Er sieht die Schokolade, sieht sie im Regal verschwinden und setzt auf die Kraft der Emotion: Tränen aus Kulleraugen, bebende Unterlippe, Sturz zu Boden. „Yildiray, nun schrei’ mal nicht so. Du weißt doch, dass Schokolade nicht gut für die Zähne ist“, sagt die Mutter und verlässt den Supermarkt, das schreiende Kind auf dem Arm. Vor der Tür steht ihr Mann vor einem Zwillingskinderwagen, das Gepäcknetz voller Laternen. „Alles gut?“, fragt er. „Alles wunderbar“, sagt sie, den strampelnden Sohn immer noch fest im Griff. „Yildiray, du kannst mir gar nicht wehtun. Dafür hab’ ich dich viel zu lieb“, sagt sie, dann zieht die Familie los Richtung Hasenheide, Laterne laufen. Tiemo Rink

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