Fünf Minuten Wedding : Nein, bitte, gehen Sie!

Ein Mann kommt ins Café, und alle gucken, weil sie denken, das geht nicht, das passt nicht, und überhaupt, was will der? Eine Szene, neulich im Wedding.

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Und Asche rieselt in die Heizung...
Und Asche rieselt in die Heizung...Foto: dpa

Und dann steht er da.

Leicht zitternd, leise brabbelnd, ganz in Schwarz, das Haar in wirren, grauen Strähnen um den Kopf.

Und jeder weiß, er passt nicht her, er passt nicht rein, nicht ins Bild, nicht ins Café, das eins der neuen, schicken, weißen ist, amerikanische Karte, indischer Tee und ein absichtlich-ironisch viel zu wörtlich übersetzter Name.

Und sie gucken schon und raunen und gucken lieber weg, aber er nimmt es gar nicht wahr, er ist nur ganz bei sich, zieht ein letztes Mal an seiner Kippe, und scharfer Qualm mischt sich mit Schnapsduft, in der Ecke bei der Heizung, über die er jetzt, leicht zitternd, leise brabbelnd, sein Kippchen hält, mit harten Händen, braunen Fingern.

Und Asche rieselt in die Heizung, und er sagt, na gut, okay, ich mach ja schon, ich mach schon aus, und die Leute gucken und sie gucken weg, sonst nichts, und er hat die Zichte endlich aus und schmeißt sie dem Rest gleich hinterher.

Haben Sie grad wirklich, fragt die Kellnerin, das glaub ich nicht, nein, bitte, gehen Sie, weil, na, Sie wissen doch.

Und er dreht sich um, sehr langsam und sehr traurig, schaut sie an und sagt, ich bin aber ganz ruhig, ich will doch nur nen Kaffe und mich setzen und euch mal alle fragen, wo ihr herkommt und so weiter.

Nein, sagt sie, nein, nein, und auch ein Typ ist da, auch er vom Laden, na, kommense, Sie wissen doch.

Und der Mann in Schwarz tapst vor ihm her, langsam, traurig, ohne Kippe, ohne Kaffee, komplett hacke, komplett harmlos, und lässt mit kaltem Rauch und verwehtem Schnaps auch die Frage zurück, wer am Ende hier asozialer ist, er oder wir.

Dieser Beitrag erschien gedruckt als "Fünf Minuten Stadt" in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin und erscheint hier online im Wedding-Blog.

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