Berlin : Fünf nach zwölf im SEZ: Die letzten Gäste müssen gehen

Am Tag vor Heiligabend wurde das Freizeitzentrum bis auf weiteres geschlossen

Stefan Jacobs

Montagvormittag um elf: Das letzte Stündlein des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) an der Landsberger Allee hat geschlagen. Ein Handwerker überklebt das „Eingang“-Schild an der Glastür mit einem Wegweiser zum Bräunungsstudio. Nur die privat betriebenen Sonnenbänke hinter einem Nebeneingang bleiben, wenn das SEZ schließt. Und 800 000 Besucher pro Jahr sowie 120 vorläufig unkündbare Mitarbeiter, die auf andere Bäder verteilt werden oder einfach zu Hause sitzen sollen. Dafür spart das Land die Zuschüsse: 4,7 Millionen Euro pro Jahr. Davon kann Berlin knapp einen Tag lang die Zinsen für seine Schulden begleichen. Rentabel sei eine Einrichtung vom Format des SEZ nie zu betreiben, hieß es seit Jahren. Und jetzt regnet es rein und die Duschen lecken, weil kein Geld in die Erhaltung gesteckt wurde.

Günter Wohlfahrt, 66 und topfit, kommt aus der Schwimmhalle und bleibt an der Glaswand im Foyer stehen. Er betrachtet das Treiben in den hellblauen Becken. „So eine schöne Anlage“, sagt er. Über 20 Jahre lang ist er jede Woche zwei Mal hergekommen, hat seinen drei Enkeln das Schwimmen beigebracht und sich fit gehalten. Nun fragt er sich, wo er jetzt schwimmen soll. „Die neue Schwimmhalle ist zwar nur 300 Meter weg, aber die ist was für Halbprofis und kein Erlebnisbad. Und ein beheiztes Außenbecken mitten im Park finde ich sonst nirgends.“

Während Wohlfahrt das SEZ betrauert, kauern sich Kameraleute zwischen die Wasserpilze in der Schwimmhalle, um den Untergang zu filmen. „Jetzt, wo es zu spät ist, kommen sie alle!“, knurrt ein Mann, der mit seinem Sohn vom Badminton spielen kommt.

Am Eingang der Turnhalle lehnt der Sportlehrer und schaut gedankenverloren auf die klackenden Tischtennis- und Federbälle. Er wird demnächst 50. „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich das Ding hier erst mit öffne und dann mit schließen muss.“ Wenn er wenigstens wüsste, was er den Leuten sagen soll, die ihn fragen, wo sie jetzt Tischtennis spielen können. „Gibt’s nirgendwo sonst ohne Vereinszwang. So wie es auch den klasse Boden nirgendwo sonst gibt.“ Die rutschfesten Filzmatten sind vor ein paar Jahren auf das verschlissene Parkett geklebt worden. Für diesen Vorteil kamen Badmintonspieler von weither. Und nun? Schulterzucken; sie suchen noch. Oder hoffen, dass ein Investor aus Leipzig, mit dem derzeit verhandelt wird, den Zuschlag erhält. Dann könnte das SEZ im Frühjahr wieder öffnen.

Durch die kleinen gläsernen Dachfirste scheint die Sonne auf die wie üblich ausverkauften Spielfelder. Der Sportlehrer lehnt mit einem angewinkelten Bein im Türrahmen. Über den Gang hört man, wie sich die Saunagäste von der Empfangsdame verabschieden und ihr traurig frohe Weihnachten wünschen. Am Ende des Ganges stapeln sich ausrangierte Garderobenständer und Stühle.

Das Foyer hat sich mit Leuten jeden Alters gefüllt. Sie machen ein Abschiedsfoto oder wollen ihren Ärger über die Schließung loswerden. Hinter der Glaswand schicken die Bademeister die letzten Gäste nach Hause. Eine Frau nimmt ihren Bademantel, legt ihn sofort wieder weg und springt noch einmal ins spiegelglatte Wasser. Dann gehen die Lichter aus, der Wachschutz vertreibt die Nostalgiker. Die Frau aus der Schwimmhalle ist die Letzte. Es ist fünf nach zwölf, als sie geht.

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