Für ALLE Felle : Für ALLE Felle

Sie verweigern den Gehorsam, machen, was sie wollen: unsere Haustiere Was tun? Die Tiertherapeutin weiß es.

Protokoll: Susanne Leimstoll

DAS PROBLEM

Tatort Prenzlauer Berg, Bionaden-Lifestyle-Gegend: Seit drei Wochen greift Siamkater Leo (5, kastriert, Wohnungshaltung, Lieblingsspeise: gekochter Brokkoli) täglich seinen Besitzer Thomas S. (Mitte 40, Kunstlehrer) an, wenn der das Wohnzimmer betritt. Leo beißt gemein zu, Thomas S. muss mehrfach mit Verletzungen an Armen und Beinen ärztlich versorgt und mit Antibiotika behandelt werden. Leos Hass beschränkt sich auf ihn, die Dame des Hauses umschnurrt er. Was hat Thomas S. verbrochen?

DIE LÖSUNG

Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Siamkater hatte drei Wochen zuvor beim wilden Spielen den frei stehenden, nicht angedübelten, 2,50 Meter hohen Kratzbaum umgeschmissen. Die Installation krachte mit Getöse zu Boden, Leo erschrak zu Tode – und blickte ausgerechnet in diesem Moment auf Thomas S., der brav auf dem Sofa saß. Seine Frau war außerhalb des Katzen-Blickfeldes in der Küche. Ab sofort war für den Kater der Mann vom Sofa der Schuldige. Und dieser Feind musste bekämpft werden.

DIE DIAGNOSE

Angstbedingtes Aggressionsverhalten nach Fehlverknüpfung durch Schreck.

DIE ERKLÄRUNG

So ticken Katzen: Was sie in der Schrecksekunde oder in Angst fixieren, wird ab sofort angegriffen. Thomas S. wurde nie im Flur, in der Küche, im Schlafzimmer attackiert. Also lag das Wohnzimmer als Auslöser nahe. Das Rätsel war mit etwas detektivischer Arbeit zu lösen.

DIE THERAPIE

. . . nennt sich klassische Gegenkonditionierung. Thomas S. warf ab sofort beim Öffnen der Wohnzimmertür Leckerlis für Leo durch den Raum: gekochten Brokkoli und Trockenfutter. Schlecht fürs Parkett, gut für die Katze. Leo lernte: Herrchen bedeutet nicht Bedrohung, sondern Futterzeit. Das lymbische System der Katze kennt zwei Triebe – jagen oder aber angreifen. Beides zusammen geht nicht. Leo im Jagdmodus konnte also nicht attackieren, sondern musste fliegendes Gemüse jagen. Futter im Napf gab es in dieser Zeit nicht. Nach vier Wochen und zwei Jagd-Gängen pro Tag speichelte Leo schon, wenn Herrchen auch nur ins Wohnzimmer kam. Mann machte Kater keine Angst mehr. Als Leo bei Herrchens Anblick vor Freude sabberte, durfte Thomas S. ihn auch wieder streicheln – und musste nicht mehr mit Gemüse werfen. Protokoll: Susanne Leimstoll

Dr. Ulrike Werner ist Tierärztin und Tierverhaltenstherapeutin mit mobiler Praxis. Auf dieser Seite schildert sie echte Fälle aus ihrem Alltag. Alle genannten Namen sind anonymisiert.

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