Berlin : Für den Präsidenten wird es sogar im Reichstag eng

CHRISTOPH STOLLOWSKY

Die Flure breit, Räume und Plenarsaal gut bemessen - normalerweise würde niemand angesichts des Reichstagsgebäudes von Platznot sprechen.Doch am heutigen Pfingstsonntag wird es auch in diesem Haus eng: 1338 Mitglieder der Bundesversammlung wählen den künftigen Bundespräsidenten, dazu kommen rund achthundert Journalisten und tausend Ehrengäste.

Nach seiner Wiedereröffnung mit der ersten Sitzung des Bundestages vor fünf Wochen ist dies der zweite Höhepunkt im Reichstag und ein Ereignis mit Folgen für die ganze Stadt: Der Verkehr wird umgeleitet, Schaulustige machen sich auf den Weg, die Parteien haben jede Menge Hotelbetten reserviert und zeigten ihren Wahlfrauen und -männern sowie zahlreichen Gästen schon gestern Berlin von seiner Schokoladenseite.

Die Bundestagsfraktion der FDP beispielsweise kam nahezu geschlossen im Hotel "Esplanade" unter, wo auch SPD-Kandidat Johannes Rau eine Suite bezog.Die Liberalen legten am Abend auf einem Fahrgastschiff zur romantischen Kanaltour ab.Die Sozialdemokraten starteten mit ihrem Kandidaten fürs Amt des Regierenden, Walter Momper, zur Stadtrundfahrt und saßen in der Gemäldegalerie im Kulturforum zusammen.Die CDU lud zum Dinner ins Palais am Funkturm ein, die PDS versammelte ihre Getreuen in der "Bierfakultät" am Strausberger Platz - nur die Grünen überließen ihre Wahlmannschaft dem Nachtleben und vertrauten darauf, daß alle heute Punkt 12 Uhr zur Eröffnung der Bundesversammlung wieder ihre Sinne beisammen haben.

Das war nicht immer selbstverständlich.Als Gustav Heinemann 1969 unterm Funkturm zum Bundespräsidenten gewählt wurde, karrte man den Schwaben und späteren Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle (SPD) in Verbände eingewickelt an.Er hatte in der Nacht zuvor im Rotlichtmilieu die Hucke vollbekommen.Damals war West-Berlin auch ein politisch schwieriges Pflaster für Präsidentenwahlen, weshalb nur Heinrich Lübke und Heinemann dort gekürt wurden.Sowjet-Düsenjäger donnerten übers Messegelände.Erst nach der Wende kam die Bundesversammlung wieder an die Spree und wählte 1994 Roman Herzog.

27 Berliner werden am heutigen Sonntag im Plenarsaal ihre Stimme abgeben und dabei auf schmalen schwarzen Sitzen Platz nehmen.Die blauen Bundestagssessel erwiesen sich als zu breit und wurden deshalb extra zur Präsidentenwahl ausgewechselt.Andernfalls hätten die Sitze nicht gereicht.Rund 450 Zuschauer verfolgen die Wahl auf sechs Tribünen im Saal, darunter 150 Journalisten neben Diplomaten, Gästen der Fraktionen sowie Behörden- und Parlamentsvertretern aus der ganzen Republik.Die SPD- und CDU-Kandidaten für das höchste Amt, Johannes Rau und Dagmar Schipanski, dürfen im Plenarsaal sitzen, PDS-Kandidatin Uta Ranke-Heinemann nimmt auf einer Tribüne Platz.Weil sie keine Wahlfrau ist, darf sie nicht nach unten.

Sollten sich die Stimmberechtigten beim ersten Wahlgang einigen, wird das Ergebnis nach gut zwei Stunden bekanntgegeben.Sind mehrere Wahlgänge nötig, so kann die Versammlung bis zum Abend dauern.In jedem Falle wird sie mit einem Empfang des neuen Präsidenten im Reichstag enden - allerdings ohne Schaulustige.Dem Volk werde sich der frisch Gekürte nicht vom Balkon aus zeigen, heißt es beim Protokoll.

ACHTUNG

Autofahrer sollten heute und morgen einen großen Bogen um das Reichstagsgebäude machen.Wegen der Wahl des Bundespräsidenten und des Staatsaktes zum 50jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland sind die Straßen in seiner Nähe an beiden Tagen gesperrt.

Am heutigen Sonntag geht von 8 Uhr früh an auf der John-Foster-Dulles-Allee, der Paul-Löbe-, der Ebert- und der Scheidemannstraße nichts mehr.Die Straße des 17.Juni bleibt hingegen frei.Wie lange die Sperrungen aufrechterhalten werden, hängt von der Dauer der Bundesversammlung ab.Wird der Bundespräsident schon im ersten Wahlgang gekürt, kann der Verkehr ab 16 Uhr wieder normal rollen.Andernfalls müssen sich die Autofahrer maximal bis etwa 20 Uhr gedulden.

Größere Demonstrationen erwartet die Polizei während der Präsidentenwahl nicht.Im übrigen Stadtgebiet dürfte es deshalb kaum Verkehrsbehinderungen geben.Am Pfingstmontag sperrt die Polizei ab 8 Uhr früh wegen der Feiern im Reichstag dieselben Straßen wie heute ab.Gegen 15 Uhr 30 werden sie wieder freigegeben.

Tip des Protokolls für Schaulustige: Wer die Anfahrt von Politikern und Ehrengästen am Westportal des Reichstages an beiden Tagen erleben will, kann vom Brandenburger Tor über den Simsonweg zu den Absperrgittern an der Scheidemannstraße gelangen.Dort ist aber Schluß.Das gesamte Reichstagsgebäude einschließlich Kuppel wird erst am kommenden Dienstag wieder für normalen Besuchsbetrieb geöffnet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben