Berlin : Für die Bibel auf die Straße

Am „Tag der Hunderttausend“ wurde auf Plätzen und in Schulen gegen Kürzungen beim Religionsunterricht protestiert

Claudia Keller,Thorsten Wiese

Mit Gott ist das so ’ne Sache. Manchmal glaubt Raffael an ihn, manchmal nicht. Im Religionsunterricht geht es an diesem Mittwochmorgen aber erstmal um ganz konkrete Ereignisse: um den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Und da kennt sich der elfjährige Raffael aus. Er weiß, dass Juden Matzen essen, das ungesäuerte Brot, weil es beim Auszug so schnell ging, dass sie die Hefe vergaßen. Und dass die sieben Arme der Menora, des Leuchters, für die sieben Wochentage stehen, lernt er spielerisch, als sich die Kinder paarweise zusammen finden, einer mit einer Pappkarte, auf der ein Begriff steht, ein anderer mit der entsprechenden Karte mit der Erklärung.

Die Markus-Schule ist eine von 24 Schulen, die am Mittwoch die Türen öffneten, damit sich Eltern informieren konnten, wie Religionsunterricht in Berlin abläuft. Denn der ist eine aussterbende Gattung, fürchten die Kirchen, wenn der Senat die Zuwendungen für den Religionsunterricht weiter kürzt. Um das zu verhindern, hatten die Kirchen am Mittwoch zur Demonstration aufgerufen, zum „Tag der Hunderttausend“. Bei 100000 Schülern steht in Berlin Religion auf dem Stundenplan – als freiwilliges Fach.

Lehrerin Petra Döge von der Markus-Schule sagt, dass immer mehr Kinder an der Religionsstunde teilnehmen, darunter auch immer mehr Nicht-Christen. So sind jetzt in der 5b auch ein muslimisches und ein jüdisches Mädchen im evangelischen Religionsunterricht. Cagla, das moslemische Mädchen, weil sie wissen will, warum ihre Freundinnen aus christlichen Elternhäusern andere Feiertage feiern. Die Weltreligionen stehen im Unterricht gleichberechtigt nebeneinander, sagt Petra Döge. Raffael findet: „Es gibt nur einen Gott, er heißt nur in den Religionen jeweils anders.“

Toleranz ist auch bei uns ein zentrales Thema, sagt Julia Ley, Toleranz gegenüber anderen Religionen wie gegenüber Mitschülern. Die 16-Jährige besucht das Canisius-Kolleg in Tiergarten, ein von Jesuiten geführtes Gymnasium. Sie ist wie die meisten ihrer Klasse vom Religionsunterricht begeistert. Viele, „weil man hier viel und frei diskutieren kann“ – über Ursachen für Kriege und die Frage nach Wahrheit, über Apartheid bis hin zum Kommunismus. Hier habe sie angefangen, sich eine eigene Meinung zu bilden, sagt eine Mitschülerin. Wenn die Kinder keine Gelegenheit mehr hätten, Glaubensdinge zu hinterfragen, wäre das für Schulleiter Pater Mertes eine Katastrophe.

So sehen es auch die Berliner Bischöfe. „Im Religionsunterricht haben unsere Kinder die Chance, eine ethische Orientierung zu entwickeln“, sagte der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber vor 300 Schülern, Lehrern und Eltern auf dem Hermann-Ehlers-Platz in Steglitz. Diese Orientierung bräuchten sie, um mit den Herausforderungen der Großstadt Berlin fertig zu werden. Noch an sieben weiteren Plätzen, unter anderem auf dem Breitscheid- und dem Alexanderplatz kamen mehrere tausend Schüler, Eltern und Lehrer zusammen, um durch Theateraufführungen, Gospelgruppen, mit Reden und Plakatwänden auf die Bedeutung der religiösen Bildung aufmerksam zu machen. CDU- und FDP-Politiker unterstützten sie dabei. Peter Luther, der frühere CDU-Gesundheitssenator und Nachfahre des Reformators nagelte dazu vor dem Roten Rathaus sogar Thesen auf eine mitgebrachte Holztür.

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