Berlin : „Für die Kids ist das eine große Party“

Sido besingt Berliner Ghettos und war jetzt in Paris. Nun meint er, dass auch hier Straßenkampf droht

Annette Kögel

„Ja, ah, ich bin auf Aggro und komm in den Raum rein. Deine härtesten Kumpels haun rein. Dich allein wegzuklatschen war locker. Ein Schlag auf den Kopf mit dem Barhocker, yeah“

Die Zeilen aus dem Lied „Maske“ vom inzwischen indizierten, gleichnamigen Album des Berliner Rapsängers Sido haben sich in Deutschland 160 000 Mal verkauft. Der Hiphopsänger bekam für das Debütalbum eine Goldene Schallplatte und später den Musikpreis „Comet“: als bester Newcomer das Jahres 2004. Die drastische Hiphopmusik über Geld, Konsum, Sex, Drogen und Gewalt verkauft sich bestens bei einer bestimmten jugendlichen Zielgruppe. Wie steht sie zu den Ausschreitungen in Paris? Szene-Kenner Sido und Specter, einer der Gründer und Geschäftsführer der Plattenfirma „Aggro Berlin“, spüren viel Sympathie in den Problemkiezen Berlins.

Sido ist gerade selbst spontan am Wochenende nach Paris geflogen. „Für die Kids ist das eine große Party“, sagt der 25-jährige Sido, Sohn einer Inderin und eines Deutschen. „Ganz im Ernst, ich hab’ mich bei denen total wohlgefühlt. Das war sehr herzlich. Ich bin da mit eingetaucht.“ Schon durch die Kleidung – weite Klamotten, Hängehosen – stelle sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl ein. Kein Mitgefühl für die oft völlig unbeteiligten Opfer, kein Schuldgefühl? Schon. „Aber ganz einfach, die Jugendlichen haben Recht, die lassen ihren Frust raus, und am 1. Mai haben wir in Berlin die Situation wie drüben.“ Sido hält etwa das Märkische Viertel für ein Ghetto. Zudem sei das Areal mit Gängen und Fluren geeignet für Versteckspiele von Jugendlichen mit der Polizei.

„In Frankreich geht die Politikscheiße auch nicht an den Jugendlichen vorbei“, befindet Aggro-Chef Specter. Wenn Minister einen als Abschaum bezeichneten, der mit dem Hochdruckreiniger aus der Stadt gekehrt werden müsse, sei das zu viel. Specter kennt die Vororte gut, der 30-Jährige ist in Paris aufgewachsen. Man könne die Probleme derzeit nur bedingt mit den hiesigen vergleichen, „schon weil Frankreich durch die Kolonialzeit andere Altlasten hat“. Er findet sogar, dass die Zuwanderer sprachlich „weit mehr integriert“ sind als junge Migranten in Berlin. „In Frankreich kann ich mich mit jedem Marokkaner oder Algerier in perfektem Französisch unterhalten.“ In Berlin sprächen viele Jugendliche dagegen schlecht Deutsch, „da nehmen sogar die Deutschen dieses Deutsch mit türkischem Klang an“. Französische Verhältnisse in Berlin? Specter: „Ganz ehrlich. Das hat schon Nachahmerqualitäten. Auch hier hat sich viel aufgestaut.“ Wie viel Wut es gebe, werde sich nächstes Jahr zeigen. „Wir haben die WM, da gibt es Party, da werden viele ohne Perspektive aus Langeweile ihren Frust rauslassen.“ Specter selbst hat sogar Verständnis für Franzosen, die TV-Kameras anspucken: „Jetzt interessieren sich die Medien plötzlich für uns, aber nur, weil Autos brennen.“

Aber befördern die Musiker durch ihre Texte nicht selbst Gewalt – und verdienen damit noch Geld? „Rapper sind nicht Schuld an Verhältnissen. Sie beschreiben sie“, argumentieren beide. „Wir machen seit Jahren auf die Probleme aufmerksam, und niemand zieht Schlüsse daraus“, so sieht das Specter. Ausdrücke würden oft metaphorisch benutzt, mitunter werde bewusst übertrieben, die Musik sei ein Ventil – so erklären sich die Extrem-Rapper. Umstrittene Stars wie Sido, die den Aufstieg geschafft haben, seien Idole. Aber Einzelfälle. Deswegen könne es auch hier Straßenkampf geben, „wenn Jugendliche neueste Studienergebnisse kapieren, nach denen Kinder aus benachteiligten Elternhäusern viermal so schlechte Bildungschancen haben“. Specter: „Jetzt ist alles passiv, kontrolliert. Aber das ist eine Frage der Zeit.“ Auch wenn Berlin keine Immigranten-Vorstädte habe, könne es Aufruhr geben – sogar in Marzahn oder Hellersdorf:„Das wird keine Frage der Herkunft, sondern eine rein ökonomische.“ Auch dort gebe es Sozialneid.

Was tun gegen solch eine Entwicklung? „Wer eine Frau hat, ein Auto, einen Job, der macht so was nicht“, meint Specter. Jugendliche ohne Lehrstelle schaffen „Parallelwirtschaften“. „Der, der dealt, lacht über den, der nur klaut, weil er mehr Geld hat.“ Sie bräuchten die Chance, anders Respekt zu bekommen. „Wenn die krassen Typen auf dem Land aufgewachsen wären, wären sie die Bauern mit den meisten Kühen.“ Trägt Aggro Berlin nicht selbst durch die Verherrlichung materieller Werte dazu bei, dass sich Jugendliche über Statussymbole definieren? „Seien wir realistisch. Jeder will ein Auto, ein Handy.“ Aber einige in der Szene fänden „auch Scheiße“, was in Paris passiert. Doch deswegen nun politisch korrekt zu singen: „lern’ Deutsch, such ’nen Job“: das finden die Aggro-Leute nicht authentisch.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben