Berlin : Für die Wiedervereinigung war es leider viel zu spät

Der Mauerbau riss die katholische Gemeinde St. Michael am Engelbecken entzwei. Die Gläubigen fanden nie mehr zusammen. Jetzt wagen die Kreuzberger ein Experiment

Claudia Keller

Dies ist die Geschichte einer tragischen Liebe. Sie handelt nicht von zwei Menschen, sondern von einer großen und starken Kirchengemeinde. Sie wurde auseinander gerissen und fand nie mehr zusammen: St. Michael. Jetzt sucht der eine Teil ein neues Glück. Am Sonntag wird St. Michael in Kreuzberg zur offiziellen Jugendkirche des Erzbistums, eine Anlaufstelle für alle katholischen Jugendlichen der Stadt.

St. Michael am Engelbecken in Mitte ist die zweitälteste katholische Gemeinde, die nach der Reformation in Berlin gegründet wurde. Das war 1861. In den Folgejahren siedelten sich dort so viele Fabrikarbeiter, Handwerker, Arbeitslose und polnische Dienstmädchen an, dass die Gemeinde 1938 14000 Mitglieder hatte, einen Pfarrer, drei Kapläne und eine wunderschöne Basilika. Die „Michaeliten“, wie sich die Gläubigen nannten, waren eine der größten Gemeinden in Berlin – und eine voller Leben. Sie halfen, wo sie konnten, gründeten einen „Mädchenschutzverein“, gaben Kindern und Arbeitslosen zu essen, vermittelten Lehrstellen und kümmerten sich um die wachsende Zahl von Alkoholikern.

Dann kam der Krieg und später die Mauer. Sie lief mitten durch die Pfarrei. Die 7000 Michaeliten in Kreuzberg waren auf einmal von ihrer Kirche abgeschnitten, nur 1000 wohnten auf der anderen Seite, in Mitte. Die konnten fortan nicht mehr zu ihrem Friedhof. Denn der lag in Neukölln. Und das alles ausgerechnet im August 1961, wo doch im Oktober 100-jähriges Jubiläum gefeiert werden sollte. Und ein Jahr zuvor, da hatte die Gemeinde erst für 60000 Mark eine neue Orgel gekauft.

Am Jubiläumstag im Oktober 1961 war die unüberwindbare Grenze noch ein Zaun. Nach dem Gottesdienst in der Michaelskirche zog der Pfarrer mit der Stummel-Gemeinde an den Zaun, wo sich die anderen aus Kreuzberg versammelten. Weihbischof Wolfgang Weider wohnte jahrzehntelang in der Nachbarschaft von St. Michael Mitte. Er erinnert sich daran, wie die Michaeliten, getrennt durch den Zaun, aber innerlich verbunden durch die gemeinsame Geschichte, durch Schmerz und Zorn, in einer Prozession am Grenzstreifen entlangzogen. Viele weinten, klatschten und winkten sich zu, bis die Vopos Tränengas warfen. Was sich die Kreuzberger Michaeliten aber nicht bieten ließen. Sie warfen die Tränengaskörper einfach wieder zurück auf die Vopos.

Die Sehnsucht nach dem anderen Teil war kein Dauerzustand. 1965 wurde in 200 Metern Luftlinie von der ursprünglichen Kirche, in der Kreuzberger Waldemarstraße, ein neues St. Michael geweiht, ein schmuckloser Betonquader. Eine Notkirche, sagten sich die Michaeliten und hofften weiter, dass man bald wieder vereint sein würde. Aber es kam anders. Die Mauer wurde breiter und wuchs allmählich in die Herzen. Auf beiden Seiten zogen immer mehr Michaeliten weg, die Gegend an der Mauer war nicht mehr besonders attraktiv. Auf der Ostseite wurden die Plattenbauten in der Heinrich-Heine- Straße hochgezogen, deren Wohnungen vor allem staatstreue Kommunisten bezogen – nicht gerade die Menschen, die sich der katholischen Gemeinde St. Michael zugehörig fühlten.

Kreuzberg auf der anderen Seite zog abgebrochene Studenten an, Künstler und Hausbesetzer, Punks und Ausländer, die sich nicht für die Kirche interessierten. 1984 trat Reinhard Herbolte seine Stelle als Gemeindereferent in St. Michael an. Gemeindereferenten unterstützen die Priester bei der Seelsorge, sind aber selbst nicht zum Priester geweiht. „Die Gemeinde war ziemlich tot“, sagt Herbolte. Eine Herausforderung für ihn und den Jesuitenpater Godehart Pünder, der ein Jahr zuvor von seinem Orden in die Gemeinde am Rande des Niemandslandes geschickt wurde. Sie kümmerten sich um die Arbeitslosen und Außenseiter, gegen den Widerstand der alteingesessenen Michaeliten machten sie ein Nicaragua-Café auf und eine Wärmestube. Sie öffneten ihr Gemeindezentrum für Flüchtlinge aus dem Osten und Punks.

200 Meter weiter nördlich, in Mitte, waren solche Experimente weder gefragt noch erlaubt. Kirche bedeutete für Gläubige auf der anderen Mauerseite ein Refugium, in dem sie Traditionen vor dem Zugriff des DDR-Staates zu retten versuchten. „Der Unterschied zwischen den beiden St. Michaels war in den 80er Jahren wie Tag und Nacht“, sagt Wolfgang Weider, der Kinder hüben und drüben zur Kommunion führte.

Trifft man heute Reinhard Herbolte, grauer Bart, rote Jeans, und Thomas Motter von St. Michael Mitte, grauer Bart, schwarze Jeans, kann man sich gar nicht vorstellen, dass zwischen ihnen ein Graben verläuft, der so breit ist wie das Engelbecken, das ihre Kirchen geographisch trennt. Motter war 20 Jahre lang im Pfarrgemeinderat. Beide sind um die 50, wirken ein bisschen müde und glauben an die Kraft der Bibel. Sie kennen sich gut, in den achtziger Jahren kam Herbolte sonntags oft zu den Motters nach Hause und brachte viele Kreuzberger mit. Dann fiel die Mauer, und man hätte sich vereinigen können. Man versuchte es, doch die Gläubigen waren sich fremd geworden. „Das fing bei praktischen Dingen an“, sagt Motter, „die gemeinsamen Pfarrgemeinderatssitzungen zogen sich ewig hin. Die Kreuzberger mussten ja nicht so früh aufstehen wie wir.“ Die Kreuzberger Punks brachten ihre Hunde mit in den Gottesdienst– auch das war für die Gläubigen in Mitte eine gewöhnungsbedürftige Tradition.

Der Anlass zur endgültigen Trennung war ein Gottesdienst zu Gründonnerstag Mitte der Neunziger. Es ging um die symbolische Fußwaschung. Pfarrer Mann von St. Michael Mitte weigerte sich, auch Frauen die Füße zu waschen. Es gab lange Diskussionen, man einigte sich, das Ganze sein zu lassen. Am Ende stand für Georg Schlütter, den Pfarrer der West-Gemeinde, fest: „Ich hatte keine Lust mehr aufs Zusammenwachsen.“ Auch Motter hatte ein ungutes Gefühl: „Das war alles sehr belastend. Die Kreuzberger wollten uns erklären, wie man Gottesdienste feiert. Da war bei einigen schon viel Arroganz dabei.“

St. Michael Kreuzberg fusionierte 2000 mit St. Marien-Liebfrauen in der Wrangelstraße, St. Michael Mitte vergangenen November mit St. Hedwig, der ältesten Gemeinde Berlins. Von den vielen Aktivitäten der Kreuzberger hat nur noch die Notübernachtung für Obdachlose überlebt. „Wir sind ein bisschen übrig geblieben“, sagt Herbolte. Aber jetzt soll es einen neuen Aufbruch geben. St. Michael West wird Jugendkirche. Die Gemeinde soll Anlaufstelle für die Jugendlichen des Erzbistums sein. Immer mittwochs um 19.30 Uhr wird es in der Waldemarstraße 10 eine Messe speziell für Jugendliche geben. In der nüchternen Betonkirche hat man statt der Bänke Stühle aufgestellt, auf der Empore Sofas zusammengerückt. Der Jugendseelsorger des Bistums spricht von „Experimenten“ und „Impulsen“. Die Jugendlichen sollen sich Gedanken über neue Formen der Gottesdienstgestaltung machen. Das ist erst einmal noch nicht viel. Aber vielleicht, wenn das Experiment gelingt, kommen auch Jugendliche aus Mitte hierher, und aus der tragischen Liebe wird irgendwann eine neue Freundschaft.

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