Berlin : Für ein Minimum an Vertrauen

Überfall auf Behinderten: Landesjugendamt hält „Buden ohne Betreuung“ trotzdem für einzige Kontaktmöglichkeit zu Straßenkindern

Werner van Bebber

Auf den ersten Blick befremdet so ein Konzept: Jugendliche mit kriminellen Neigungen bekommen vom Jugendamt eine kleine Wohnung und Essensgeld, damit sie nicht kriminell werden. „Bude ohne Betreuung“ heißt das Projekt, abgekürzt BOB. Eine 14 Jahre alte Türkin aus einer solchen Wohnung wirkt wie der lebende Beweis für die Sinnlosigkeit eines solchen Projekts. Sie überfiel wie berichtet mit ihren Kumpels – einer davon ein polizeibekannter Intensivtäter – gleich zweimal einen behinderten Rentner, weil sie Geld brauchten.

Trotzdem gelten die „Buden ohne Betreuung“ beim Jugendsenator als sinnvolle Sache. Sven Nachmann, Abteilungsleiter im Landesjugendamt, beschreibt solche Wohnungen als den Versuch, überhaupt „irgendeinen Kontakt zu halten“ zu Straßenkindern. Jugendliche wie die 14-jährige Türkin seien „absolute Drop outs“, die ohne Wohnung auf der Straße leben, sich prostituieren und schnell an harte Drogen geraten. Solche Jugendliche „fühlen sich wie der letzte Dreck, und so behandeln sie auch ihre Umgebung“, sagt Nachmann. Die Wohnungen sollen den Jugendlichen die Möglichkeit geben, über ein paar Monate ein Minimum an Vertrauen zu entwickeln, so dass sie sich nach einer Weile auf den Vorschlag einlassen, in eine betreute Wohnung zu ziehen.

Stadtweit gibt es für die 3000 Straßenkinder laut Nachmann vier oder fünf Anlaufstellen wie die „Buden ohne Betreuung“. Der Träger der Einrichtung, der Verein ProMax, habe einen guten Ruf. Im Fall der jungen Türkin habe es aber offenbar „ein Betreuungsloch“ gegeben – denn üblicherweise haben Sozialarbeiter Nachmann zufolge durchaus einen Blick auf die Jugendlichen in den BOB-Wohnungen. Deshalb sei es zu dem „eher seltenen Fall“ gekommen, dass die Jugendliche und ihre Freunde die Wohnung gewissermaßen als kriminelle Basis nutzten. „Das Risiko ist da“, sagt Nachmann, aber ohne ein solches Angebot wäre die Jugendliche „wahrscheinlich auf dem Strich“ gelandet.

Wo sich die 14-Jährige jetzt aufhält, ist derzeit unklar. Nach dem Überfalls vom Samstag waren sie und ihre Kumpel im Polizeigewahrsam. Inzwischen sind sie wieder frei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben