Berlin : Für einen Augenblick war es 1927

Fritz Langs „Metropolis“ hatte einst im Ufa-Palast am Zoo Premiere. Nun war der Film wieder dort zu sehen

Marc Neller

Als Vorarbeiter Grot an der Herzmaschine steht, von der noch einiges abhängen wird in den nächsten zwei Stunden, rascheln in den mittleren Reihen zum ersten Mal Popcorn- und Chipstüten. Auf der Leinwand im großen Kino 1 des Zoo-Palasts läuft seit gut 25 Minuten „Metropolis“. Im Fernsehen wäre es höchste Zeit für eine Werbepause.

Vieles hat sich geändert, seit Fritz Langs Großstadt-Utopie, einer der ersten Sciencefiction-Filme der Kinogeschichte, am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast am Zoo seine Premiere hatte. Das war genau da, wo heute der Zoo-Palast steht. Damals gehörte Politprominenz wie Reichskanzler Wilhelm Marx und einige seiner Minister zu den geladenen Gästen. Diesmal hatte der Tagesspiegel Karten verlost für die Wiederaufführung der restaurierten Fassung: insgesamt 150-mal zwei Stück, in der UCI-Kinowelt im Potsdam-Center, wo der Film schon einige Tage früher lief, und nun eben im Zoo-Palast. Doch wer dabei leer ausging, konnte sich Karten natürlich auch kaufen.

Heute wie damals ist der Saal gut besucht. Aber nicht nur der Story wegen, in der die beängstigende Zukunftsvision, der kühne Entwurf der modernen Großstadt relativiert wird durch eine, nun ja, sentimentale Liebesgeschichte. Hans Maisch beispielsweise sitzt im Rang, gute Mitte. „Ich mag expressionistische Filme“, sagt der 70-Jährige. „Metropolis vor allem. Die Effekte, also das ist schon enorm, was die damals auf die Beine gestellt haben. Ich hab’ den Film schon etliche Male gesehen, aber auf einer so großen Leinwand noch nicht.“ Sein Vater war Filmregisseur. Maisch ist fasziniert von den Szenen, die die Überflutung der Arbeiterstadt ankündigen. „Das sind beeindruckende Bilder.“

Herbert und Eleonore Niemann sitzen im Parkett. Er hat einen Teil des Films „vor Jahren mal im Fernsehen gesehen. Das hat mich damals sehr interessiert. Aber danach wurde er nicht mehr gezeigt.“ Seine Frau sagt: „Das war eine gute Möglichkeit, meinen Mann mal ins Kino zu bekommen.“ Sie geht gern, er weniger. „Wir sind uralt, über siebzig“, sagt sie und lacht.

Auch Günther Overbeck, 46, hat einen Teil von „Metropolis“ schon im Fernsehen gesehen. „Wir wollten heute unbedingt ins Kino“, sagt er und sieht zu seinem 16-jährigen Sohn. Sciencefiction von 1927, das war das Argument, mit dem er ihn gelockt hat. Tilla, 60, und Nadja Hendriksen, 34, dagegen wissen schon einiges von Langs Film, was sie eben über ihn gehört oder gelesen haben. „Ich bin ganz furchtbar neugierig“, sagt die Mutter. Man muss es ihr glauben, so schnell wie sie redet und sich nach einem günstigen Platz umschaut, von dem aus sie den Film gleich sehen werden.

Um kurz nach halb elf der sehr kurze Abspann. Einige klatschen. Auf der Leinwand kein Hinweis auf einen Soundtrack, den man unbedingt kaufen müsse. Das war früher noch nicht üblich. Für einen Augenblick ist 1927.

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