• Für Frauenrechte und Freiheit von Neukölln nach Kreuzberg Nach dem Mord an der Türkin Hatun Sürücü marschierten gestern

Berlin : Für Frauenrechte und Freiheit von Neukölln nach Kreuzberg Nach dem Mord an der Türkin Hatun Sürücü marschierten gestern

rund 500 Teilnehmer durch die Stadt. Redner fordern Verbot der Zwangsehe

Tanja Buntrock

Ein Teil der Karl-Marx-Straße in Neukölln schimmerte gestern in lila und grün. Es waren die Luftballons mit der Aufschrift „Gegen Gewalt an Frauen“, die dem Demonstrationszug seine Farben gaben. Rund 500 Teilnehmer waren nach Angaben der Polizei gestern vom Rathaus Neukölln bis zum Heinrichplatz in Kreuzberg gezogen, um für ein „Recht auf gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben von Frauen“ zu demonstrieren.

Anlass der Kundgebung war der Mord an der 23-jährigen Türkin Hatun Sürücü, die am 7. Februar nahe einer Bushaltestelle in Tempelhof erschossen worden war. Drei ihrer Brüder sitzen als Tatverdächtige in Haft. Ihnen soll der westliche Lebensstil ihrer Schwester missfallen haben. „Dieser Mord hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt Silvana Kröhn von „Terre des Femmes“. Der Frauenrechtsverein hatte die gestrige Aktion ins Leben gerufen: Mehr als 30 Kultur- und Frauenvereine sowie verschiedene politische Parteien schlossen sich dann an. „Dieser so genannte Ehrenmord hat uns gezeigt, dass es endlich wieder Zeit wurde für eine Demonstration für Frauenrechte“, sagt Silvana Kröhn.

Auch Hassan Koban (29) und Yürcerl Karahan (36) sind gestern mitmarschiert. Beide engagieren sich im Kreuzberger Kultur- und Nachbarschaftsverein „Omayra“. Es sei schlimm, sagen sie, dass durch die so genannten Ehrenmorde der Islam als solcher in ein schlechtes Licht gerückt wird. Mit dem Glauben würde dann größtenteils Negatives verbunden. „Wir wollen zeigen, dass wir gegen Gewalt an Frauen sind“, sagt Koban. Allerdings habe er oft schlechte Erfahrung gemacht: Teilweise rede man „gegen die Wand “, wenn man mit traditionell-verwurzelten Türken spreche – „und trotzdem versuchen wir, mit ihnen zu diskutieren“. Zwei Mädchen, die vor dem Neuköllner Einkaufszentrum stehen, beobachten den Marsch. Sie wollten nur „shoppen gehen“, finden die Demo aber „wichtig“, wie sie sagen. „Bei uns in der Klasse waren alle erschüttert über den Mord an der Türkin. Auch die türkisch-stämmigen Jungs.“

Und dennoch: Auch an die jungen Männer aus türkischen Familien müsse appelliert werden, sagt die Anwältin Seyran Ates. Sie fordert die älteren Männer auf, Verantwortung zu übernehmen. Sie sollten helfen, „aus den Köpfen der jungen Männer die archaischen Strukturen zu verbannen“. Zudem müsse die Zwangsehe unter Strafe gestellt werden. Die FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben sieht das genauso. „Die FDP plädiert schon seit langem für ein Verbot“, sagt sie. Diese Demo sei ein wichtiges Zeichen. Es sei schrecklich, dass mehrere Morde an Türkinnen geschehen mussten, „damit so eine Demo stattfindet“. Etwas abseits des Umzuges stehen zwei junge Frauen mit Kopftüchern. „Gegen das Kopftuchverbot“, steht auf der Brosche, die eine von ihnen trägt. „Das freiwillige Kopftuchtragen gehört auch zu unserem selbstbestimmten Leben“, sagt Ariane Beyer. Die 27-Jährige ist vor vier Jahren zum Islam konvertiert. Sie meint: „Wichtig ist nur, dass die Frauen nicht gezwungen werden, ihr Kopftuch zu tragen.“

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