Berlin : Für Geld zum Verräter geworden

Nicht zum ersten Mal warnte ein Ermittler vor Razzien. Jetzt machte die Polizei den Vorfall öffentlich

Jörn Hasselmann

Gratis ins Bordell, Champagner in der Disko oder eine Gratisladung Kokain. Es sind meist diese „Vorteile“, mit denen Polizisten geködert werden, Geheimnisse auszuplaudern, Daten im Computer zu recherchieren oder ganze Razzien zu verraten. Jüngster Fall: Ein hochrangiges Mitglied der „Ermittlungsgruppe Hooligan“ (EGH) soll Razzien verraten haben – vermutlich gegen Geld oder Drogen. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Bei der Razzia gegen die Hooligans des BFC Dynamo am vergangenen Wochenende in der Disco „Jeton“ war deshalb die eigentlich zuständige EGH nicht beteiligt.

Die Polizeiführung und die Spezialermittler von der Korruptionsabteilung des Landeskriminalamtes hatten schon einige Zeit geahnt, dass das Leck dort sein muss. Zu offensichtlich hatte die Gegenseite Bescheid gewusst. Da der Verdacht noch zu vage war, sei die Öffentlichkeit nicht informiert worden, hieß es gestern bei der Polizei. Dass der Eindruck entsteht, die Fälle krimineller Polizisten häuften sich, liegt an der neuen Strategie der Behörde. Polizeipräsident Glietsch hat bei seinem Amtsantritt 2002 eine totale „Offenheit“ bei Verfehlungen verfügt. 2004 gab es in Berlin 2028 Strafanzeigen gegen Polizisten – nur eine Handvoll hatte jedoch eine „Razzia verraten“.

Bei seinem Vorgänger, Hagen Saberschinky, war von Verfehlungen innerhalb der Polizei kaum etwas an die Öffentlichkeit gedrungen – im Gegenteil. Bei einem der spektakulärsten Gerichtsverfahren gegen Polizisten hatte Saberschinsky 1997 die Vorwürfe gegen Prügel-Polizisten heruntergespielt. Der Richter hatte dagegen bei der Urteilsverkündung erklärt: „Der Corpsgeist in der Polizei ist so schlimm, dass selbst Straftaten geschehen können, ohne dass irgendjemand etwas unternimmt.“ Das ist vorbei, mittlerweile werden selbst polizeiinterne Verfehlungen wie „Polizist belästigt Polizistin“ sofort als Pressemeldung herausgegeben. Bei Glietschs Amtsantritt lief gerade der Prozess gegen „Bullen-Kalle“, einen Polizisten, der auf seinem Lichterfelder Abschnitt einen schwunghaften Drogenhandel aufgezogen hatte – letztlich war gegen 27 Beamte ermittelt worden.

Drogen in der Kneipe, Anabolika im Fitnessstudio: das sind die Orte, in denen die Verfehlungen häufig beginnen. „Natürlich sind Beamte in bestimmten Dienststellen anfälliger für Verlockungen“, hieß es bei der Polizei. Auch der verdächtige Beamte der EGH soll Drogen genommen haben. Die beiden Kreuzberger Polizisten, die im Juni 2005 suspendiert wurden, sollen mit Kokain von einer russischen Schleuserbande als Tippgeber geködert worden sein.

Entlarvt wurde 2004 auch ein 30-jähriger Beamter. Er soll über Monate hinweg eine Dealerin vor Razzien gewarnt haben. Den Beamten war zunächst schleierhaft, warum ihre Durchsuchungen in Diskotheken keinen Erfolg hatten. Eine SMS im Mobiltelefon der Rauschgifthändlerin brachte sie dann auf die Spur. Nach einer vierten fehlgeschlagenen Razzia wurde die Wohnung des Beamten durchsucht, der Mann gestand. „Bei den vier Razzien waren 855 Beamte eingesetzt. Sie leisteten 5137 Mannstunden. Durch den Verrat war der Aufwand nahezu umsonst“, hieß es damals bei der Polizei.

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