Berlin : Für immer jung

Gered Mankowitz hat die Stones von 1965 bis ’67 als Fotograf begleitet. Jetzt zeigt er die Bilder in Berlin

H. P. Daniels

Die Rolling Stones sehen zerzaust aus und übernächtigt, mit schmalen Augen, müdem Blick. Und sie wirken ein bisschen verfroren in ihren Mänteln mit hochgeschlagenen Kragen, frühmorgens in der Novemberlandschaft von Primrose Hill, London. Der junge Fotograf Gered Mankowitz hatte die Idee, die Stones hier oben zu fotografieren, nach einer langen Nacht im Aufnahmestudio. Vielleicht wäre ja das Licht gut um diese Zeit, und sie wären halbwegs ungestört, dachte er sich. Mehr Konzept gab es nicht. Ein paar Fotos machen, von den Stones, wie sie waren, wie es ihrem Image entsprach, das ihr damaliger Manager Andrew Loog Oldham so geschickt gegen die vermeintlich „artigeren“ Beatles abzusetzen verstand: bluesig, individualistisch, versunken, mürrisch, düster und ein bisschen mysteriös. Das waren die Stones. So war ihre Musik. So sollten sie auch auf Fotos wirken.

Und dann war da an jenem Morgen plötzlich dieser kurze magische Augenblick, in dem alles stimmte: das Gefühl, die Zusammengehörigkeit, das Aussehen, das Image – die Band. Zehn kurze Minuten, in denen Mankowitz vier oder fünf Rollen Film verschoss. Bevor alles wieder zusammenfiel wie ein Kartenhaus. „Für zehn Minuten sah alles unglaublich toll aus, und dann war es vorbei“, sagt Mankowitz. Doch da hatte er schon all diese phantastischen Fotos im Kasten. Eines davon wurde zum Cover der nächsten Stones-Langspielplatte: „Between The Buttons“. Das war vor genau vierzig Jahren.

Vier Jahrzehnte später sind die Rolling Stones wieder auf Konzertreise durch die USA. Mankowitz hatte sie dort 1965 als Neunzehnjähriger auf ihrer ersten Tournee mit seiner Kamera begleitet. Heute geht er durch die „Berlin Rock Photo Gallery“ in Prenzlauer Berg, legt Hand an bei den letzten Vorbereitungen zur Ausstellung seiner Fotos, die er zwischen 1965 und 1967 von den damals noch so jungen, aber auch schon ziemlich berühmten Stones als deren „Hausfotograf“ gemacht hatte. Deren Image als rebellische Bürgerschrecks hatte er damals intuitiv mit seinen Bildern befördert und verstärkt. Betrachtet man heute die Aufnahmen der jungen Stones, die Mankowitz im vergangenen Jahr in der zweibändigen Sammlung „The Rolling Stones – Photos 1965-1967“ beim Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf als Buch veröffentlicht hatte, dann mag manchem Zeitgenossen wehmütig bewusst werden, wie schnell die Jahre vergangen sind.

Mankowitz, der als einer der ersten „Rock-Fotografen“ den Zeitgeist der Jugendkultur der 60er Jahre eingefangen und bewahrt hatte, ist inzwischen 60 Jahre alt. Doch in seiner schlanken Erscheinung, mit kurzen dunklen Locken und seiner jungenhaften Mimik wirkt er gut zehn Jahre jünger, fast jugendlich. Mankowitz lacht. Nein, das Älterwerden sei eigentlich nicht so schlimm, auch nicht die Rückschau auf die jüngeren, aufregenderen Jahre. „Mag sein, dass man körperlich etwas ungelenker wird mit zunehmendem Alter. Diese Dinge, die einem ein größeres Gefühl von Verletzlichkeit geben, gefallen mir natürlich nicht so“, sagt er. „Aber andererseits empfinde ich es als unglaubliches Glück, dass ich die Möglichkeit hatte, mit meiner Fotografie etwas zu schaffen, das so vielen Leuten auch heute noch etwas zu bedeuten scheint.“

Und weil es so viel Interesse gibt an seinen Arbeiten, bereitet es ihm immer noch größtes Vergnügen, seine Bilder zu präsentieren und darüber zu sprechen. Wenn man ihm dabei zuhört, wie er von der Entstehung einzelner Fotografien erzählt, von den unzähligen Geschichten dahinter, wenn er seine selbst gemachten Filter erklärt – Scheiben vor der Kameralinse, deren Ränder er mit Vaseline verschmiert hatte, um einen unscharfen, verschwommenen Effekt zu erzeugen – dann spürt man immer noch die ungebrochene Leidenschaft des Fotografen.

Unmengen von Bands hat er fotografiert über all die Jahre, unzählige Images geschaffen. Doch was nützen das beste Aussehen der Musiker, die schönsten Porträts, wenn die Musik nichts taugt, wenn jene Bands gleich wieder in der Versenkung verschwinden. So haben eine Menge brillanter Fotos nie das Licht der Öffentlichkeit gesehen. Mankowitz lacht. Das größte Glück hat er eben doch mit den Rolling Stones gehabt.

„The Rolling Stones – Photos 1965 - 1967“, Ausstellung vom 11. 11. - 22. 12. Eröffnung mit Gered Mankowitz heute Abend, 20 Uhr, The Berlin Rock Gallery, Kastanienallee 32. Geöffnet jeweils Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Zwei Bände von je 320 Seiten, ca. 1500 Abbildungen, Großformat von fast DIN A3, gebunden, im Schmuckschuber 199,90 Euro, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin.

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