Berlin : Für jeden Staatsgast die richtige Fahne

Oliver Näsers Firma liefert Maßarbeit fürs Protokoll

Sandra Dassler

Falkensee. Normalerweise redet Oliver Näser nicht mit der Presse. Sein Job verlangt Verschwiegenheit, seine Firma arbeitet diskret. Doch wenn ihm oder seinen rund 20 Mitarbeitern ein Fehler unterläuft, kann das schnell zu einem öffentlichen Eklat führen. Oder gar zu internationalen Irritationen.

Man stelle sich nur vor, der afghanische Präsident Karsai wäre am Dienstag vom Regierenden Bürgermeister zur Eintragung ins Goldene Buch begrüßt worden, und vor dem Roten Rathaus hätte die alte Fahne des verhassten Taliban-Regimes geweht… Zum Glück bemerkte ein Mitarbeiter der Senatskanzlei, dass die schwarz-rot-grüne Flagge des neuen Afghanistan noch nicht vorrätig war. Und so klingelte am vergangenen Freitag bei der „Näser GmbH & Co. Krawattenfabrik KG“ im brandenburgischen Falkensee das Telefon.

Dorthin war die Berliner Traditionsfirma 1994 gezogen. Oliver Näsers Großvater – gelernter Dekorateur und Zuschneidemeister – hatte den Textilbetrieb 1921 gegründet. Genäht wurden damals Hosen, Krawatten und auch schon Fahnen. Als Oliver Näser 1988 die Firma übernahm, war sie schon auf Flaggen und alles was dazugehört, spezialisiert. Sie rüstete Ausstellungen ebenso aus wie diplomatische Empfänge. Sie kümmerte sich um das Aufstellen von Fahnenmasten und das Ausrollen der roten Teppiche an Flughäfen. So ein Teppich muss bei einer Boeing 747 länger sein als bei einem Kleinflugzeug und auch bei den Fahnen gibt es einiges zu beachten.

„Man soll nicht glauben“, erzählt Näser, „wie oft beispielsweise im Sport die falschen Fahnen verwendet werden.“ Statt schwarz- rot-goldene wehten erst kürzlich wieder bei einem berühmten Motorsport-Rennen golden-rot-schwarze Deutschlandfahnen im Wind. Dem Laien fällt das nicht auf, aber Näser würde sich schämen für so einen Fehler. Seit Berlin wieder Hauptstadt ist, arbeitet seine Firma auch für das Auswärtige Amt. In Falkensee lagern die Fahnen von über 200 Nationen in drei Standardvarianten.

Doch für das Rote Rathaus wurde am Dienstag ein spezielles Maß benötigt. Also schnitten, druckten und nähten Näsers Mitarbeiter, um bis Dienstagmorgen alles fertig zu haben. Doch dann waren die Straßen um das Rote Rathaus wieder einmal dicht. „Für solche Fälle haben wir den Motorroller“, erzählt Näser: „Mit dem kommt man am ehesten durch. Und natürlich sind meine Mitarbeiter auch bei den Sicherheitsbehörden registriert.“ Am Dienstag hat es gerade noch geklappt: 17 Minuten vor Eintreffen des afghanischen Präsidenten wurde die richtige Fahne gehisst.

Überhaupt ist es Näser bislang immer gelungen, seine Zusammenarbeit mit dem Protokoll pannenfrei zu halten – sei es im Bundeskanzleramt, beim Bundespräsidenten oder beim G8-Gipfel 1999 in Köln. Von dem hat er ein Bild, das er manchmal stolz betrachtet. Da stehen acht Regierungschefs umringt von Kölner Kindern unter den Näser-Fahnen auf dem roten Näser-Teppich und lächeln. „Das sind die schönsten Momente“, sagt er. „Es gibt aber auch andere: Wenn es eiskalt ist. Und in Strömen regnet. Und der Teppich deshalb nicht richtig liegen bleiben will. Und wenn dann noch das Flugzeug mit dem Staatsgast an der falschen Stelle hält – dann müssen wir wieder einmal zaubern.“

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