Berlin : Für jedes Leben eine Kerze

Im Hof des Hauses in der Ufnaustraße nahmen Angehörige und Nachbarn Abschied von den Brandopfern

Annette Kögel

Ein Bild. Ein Blumenstrauß. Eine Kerze. Für jeden der neun Verstorbenen – vor allem Kinder und Jugendliche – haben die Angehörigen im Durchgang des Hauses Ufnaustraße 8 in Moabit einen kleinen Altar aufgestellt. Eine solche Flamme, die jetzt Trost und Gedenken symbolisiert, hat in der Nacht zu Dienstag hier eine Katastrophe ausgelöst. Jemand hatte an den Kinderwagen im Flur gezündelt – und damit letztlich das Leben von neun Menschen beendet. „Wir sind alle zutiefst schockiert, können das Geschehen weder erklären noch fassen“, sagen Ernst und Marion Brenning zu Beginn des glaubensübergreifenden Gedenkgottesdienstes, zu dem die beiden Hauseigentümer und die Hausgemeinschaft am Sonnabend geladen hatten.

Noch etliche Nachbarhäuser entfernt geleitet einen der Brandgeruch zum Ort des Schreckens, an dem sich gestern Angehörige, Nachbarn, Vertreter von Polizei und Feuerwehr im Gedenken an die Opfer versammelten. Es ging vorbei am provisorisch hergerichteten Treppenhaus, wo mehrere Menschen verbrannten, hinein in den gepflegten Hof mit Blumenbeeten und Buddelkasten. „Wir stehen hier zusammen, in Entsetzen über das schreckliche Geschehen und in der Sorge um die Verletzten“, sagt der evangelische Superintendent Lothar Wittkopf. Marion Brenning erinnert mit persönlichen Worten an jeden Einzelnen, der in dem Haus mit achtzig Mietern aus dem Leben gerissen wurde: das junge Ehepaar, er gerade 27, fast schüchtern, begeisterter Tänzer. Sie, 25, bescheiden, stolze Mutter. Die kleine Tochter, erst 20 Monate, die hier im Hof tanzte und in die Hände klatschte. Der fünfjährige, temperamentvolle Sohn, der, nicht immer zur Freude der Mitmieter, im Hof Fußball spielte. Dann die zweite Familie mit vier Kindern, deren Tochter sich vor Panik aus dem vierten Stock stürzte und schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Und das kleine Mädchen, das bis auf ein paar Zweien nur Einser auf dem Zeugnis hatte und in der Klasse so beliebt war. Aus. Vorbei. „Gott, das Leben ist nicht fair“, sagt Pater Hans Georg von der Wilmersdorfer St.-Ludwig-Gemeinde während des Fürbittengebets – aber Gott gebe auch die Kraft zum Weiterleben.

Ein Pater, ein Pfarrer und zwei islamische Geistliche sprachen zu den Trauernden – waren doch christliche Deutsch-Polen und islamische Kosovo-Albaner unter den Opfern, mit türkischen und arabischen Freunden in der Nachbarschaft. Baskan Hajjir, Diplom-Ingenieur, Vorstand eines Moabiter Integrationsvereins und Imam, hielt seine Andacht in deutscher Sprache und übersetzte Koran-Suren oder kurze Gebete auf Arabisch vorher jeweils ins Deutsche.

„Den Angehörigen möge der Trost helfen, dass die Menschen in unseren Seelen weiterleben, dass Gott sie angenommen hat und sie sie später wiedersehen.“ Immer wieder betont der Imam, dass doch alle im Hof Anwesenden letztlich an den gleichen Gott glauben, heiße er nun Gott oder Allah. Die Propheten Mohammed und Jesus „haben einander geliebt“, so Baskan Hajjir. Er fordert die Menschen auf, auch künftig über Glauben und Nationalitäten hinweg aufeinander zuzugehen und erbittet von Allah Schutz für die Stadt Berlin. „Es gibt keine Hindernisse in der Sprache, wenn die Herzen geöffnet sind.“ Die Kinder, die überlebten, seien die Zukunft, sagt der Imam, der sich der Tränen nicht erwehren kann. Dann betet Shein Bedri Osmanollaj, islamischer Geistlicher, für seine Landsleute, die Kosovo-Albaner.

Am Rande des Gedenkens war das immer wieder Thema: Gab es Sprachprobleme bei der Rettung, hätten sich Deutsche in Panik anders verhalten? „Ich hätte genauso reagiert und instinktiv versucht, mich ins Freie zu retten“, sagt eine 81-jährige Frau, die seit 1957 nicht weit entfernt in der Ufnaustraße wohnt. Mitglieder des Migrationsrates hoffen nun, dass die vielfach ohnehin traumatisierten Menschen psychologisch betreut werden.

Viele Mieter wollen wieder zurück in das Haus.

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