Berlin : Für jedes Leben lernen

Von Markus Hesselmann

-

Es ist wieder möglich, von der Moral zu sprechen, ohne ausgelacht zu werden. Von Ethik und von Werten. Trotz allen Streits über Gestaltung und Umsetzung gibt es von Christdemokraten bis Sozialisten in Berlin einen Konsens darüber, dass Werte im Schulunterricht stärker vermittelt werden müssen – und zwar als Pflichtfach, nicht wie bisher als freiwilliger Religionsunterricht. Die Vorschläge reichen vom klassisch konfessionsgebundenen Fach Religion bis zu „Interkultureller Bildung“, dem neuen Vorschlag der PDS. Haben wir keine anderen Probleme? Sicher. Aber wir haben auch diese: An den Schulen verstärkt sich die Verrohung. Eine Neuköllner Schule geriet jüngst in die Schlagzeilen, weil Schüler den Mord an einer türkischen Frau gebilligt hatten. Ein Schüler erhielt dafür einen Verweis. In den Kiezen machen sich Neonazi„Kameradschaften“ breit. Zwei davon wurden gerade gestern verboten.

Verweise und Verbote ersetzen nicht Aufklärung und Auseinandersetzung. Und die Schule kann den Eltern nicht die ganze Verantwortung abnehmen. Doch im Stundenplan ist durchaus Raum für moralische Fragen: Mathematik und Naturwissenschaften führen ein ins analytische Denken. Der Sprachunterricht ermöglicht die internationale Kommunikation. Sozialwissenschaften und Geschichte befördern politisches Denken und wirtschaftliches Handeln. Der Sport lehrt Fairness und Fleiß. Ein neues Fach Ethik sollte interkulturelles Wissen vermitteln, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Auch Identität, die Besinnung auf die eigenen kulturellen und geistigen Grundlagen, ist ja neuerdings kein Schimpfwort mehr. Das neue Fach sollte nicht missionieren. Kritik und Auseinandersetzung sind in unserer Gesellschaft Werte an sich. Religion ist nicht als geschlossenes Sinnsystem, sondern in Verbindung mit den Werten der Aufklärung zu verstehen.

Unterrichtsmaterial jedenfalls gibt es genug: Lessings Ringparabel etwa würde als Manifest der religiösen Toleranz hier stärker wirken als in der Deutschstunde. Die Bergpredigt ist ein Aufruf zur Nächstenliebe und zum Frieden. Die Zehn Gebote aus dem jüdisch geprägten Alten Testament geben uns archaische, aber bis heute größtenteils unterschreibbare Regeln mit auf den Weg. Hermann Hesses „Siddharta“ ist das Beispiel eines Suchenden, der sich die fernöstliche Religion erschließt. Selbst bei den Modernisten ist Gott noch lange nicht tot. Der angloamerikanische Dichter T. S. Eliot etwa beschwört in seinen Gedichten warnend das spirituelle Austrocknen der westlichen Gesellschaften, die mehr und mehr zum „wüsten Land“ werden.

Statt mit Klagen zu drohen, sollten die Kirchen die Chancen der neuen Debatte erkennen und ihre Abwehrhaltung aufgeben. Ein Pflichtfach Ethik böte ihnen die Gelegenheit, aus dem Ghetto des konfessionsgebundenen Religionsunterrichts herauszukommen. Theologische Feinheiten wie Rechtfertigungslehre oder der Unterschied zwischen Eucharistie und Abendmahl sind selbst den Gläubigen kaum mehr zu vermitteln. Wie soll das erst bei der breiten Masse der Berliner Alltagsatheisten und -agnostiker funktionieren? Im freiwilligen Religionsunterricht der jetzigen Form predigen Katholiken wie Protestanten den Bekehrten. Mit einem allgemeinen Fach Ethik oder Wertekunde könnten die Kirchen sich wieder einem größeren Publikum zuwenden. Das wäre dann auch ein gelungenes Beispiel für Ökumene. Das traditionell tolerante Berlin ist der richtige Ort für eine solche Pioniertat.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben