• Für Theater und Kunst gab es seinerzeit viel Geld - darüber waren sich Ost- wie West-Berlin einig

Berlin : Für Theater und Kunst gab es seinerzeit viel Geld - darüber waren sich Ost- wie West-Berlin einig

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die Nachricht schlug damals wie eine Bombe ein: "Das Land Berlin ist finanziell nicht in der Lage, sämtliche Staatstheater weiterzubetreuen. Der Spielbetrieb der Staatlichen Bühnen ist daher am Ende der Spielzeit 1992/93 einzustellen." Der Senatsbeschluss vom 22. Juni 1993 war mehr als das Todesurteil für das Schiller-Theater. Es zerstörte auch nicht nur die Karriere des rauhbeinigen Kultursenators Ulrich Roloff-Momin, der für die Berliner Kultur jederzeit "wie ein Löwe" kämpfen wollte, aber als politischer Bettvorleger endete. Der Senatsbeschluss war vor allem der endgültige Abschied von den heiligen Traditionen der West-Kulturpolitik, die der heutige Stadtmarketing-Guru Volker Hassemer vor dem Mauerfall 1989 noch kunstvoll pflegte.

Das Prinzip war einfach und ließ sich elegant formulieren: "Berlin ist ohne Zweifel die Stadt mit der höchsten kulturellen Kraft und Ausstrahlung im deutschsprachigen Raum. Es bedarf ständig neuer Anstrengungen und Ideen, diese Position zu behaupten." Die vorhandenen Kapazitäten müssten erhalten und darüber hinaus Lücken aufgefüllt und Defizite ausgeglichen werden, schrieb Hassemer im März 1984 in eine "Gesamtkonzeption für das zukünftige kulturelle Angebot Berlins" hinein, das der Senat brav absegnete. "Erstklassige Ausbildungs-, Arbeits-, Aufführungs- und Präsentationsmöglichkeiten für Künstler aller Sparten" wurden erbeten. Selbstverständlich nur im Rahmen der Möglichkeiten des Landeshaushalts, aber dieser Rahmen war zu jener Zeit sehr weit gespannt.

Das Füllhorn ergoss sich auf die 18 Theater mit 11 100 Sitzplätzen, auf drei große und zahlreiche kleine Orchester, die Chöre und freien Musikgruppen; auf die West-Berliner Museen, in die 1983 1,7 Millionen Besucher strömten, auf die Schlösser und Gärten, die 2000 bildenden Künstler, die Bibliotheken, Verbände und Vereine, die Stiftungen und Akademien, die vielfältigen Förderprogramme und Veranstaltungsgebäude. Und es war noch Geld genug da für große Investitionen: Der Neubau des Kammermusiksaals, der Wiederaufbau der Kongreßhalle, die Sanierung des Gropiusbaus, die Erweiterung des Verkehrsmuseums, der Umbau des Hamburger Bahnhofs - alles wurde in den goldenen 80er Jahren geplant.

Das Stadtjubiläum - 750 Jahre Berlin - stand bevor und der Senat ließ sich nicht lumpen. Auch der Bund und private Mäzene steuerten hohe Millionenbeträge bei, damit der Westen der Stadt nicht hinter der Ost-Konkurrenz zurückbleibe. Dort wurde kulturell ebenfalls mächtig aufgerüstet. Das knappe Geld der Deutschen Demokratischen Republik wurde zum Missfallen aller anderen Regionen in die DDR-Hauptstadt umgeleitet. Ein teurer Rüstungswettlauf, aber das Geld war da und der Glanz und die internationale Resonanz, die daraus resultierten, rechtfertigten diese Kulturpolitik aus damaliger Sicht allemal. Aber dann löste sich die deutsch-deutsche Grenze auf und mit ihr ein Staat, der angeblich Planwirtschaft betrieb, in Wirklichkeit aber von der Hand in den Mund lebte und haushaltspolitisch vor sich hin wurstelte.

Als die Senatskulturverwaltung im Winter und Frühjahr 1989/90 Inventur machte, wurde diese Tatsache den politisch Verantwortlichen schmerzhaft bewusst. Was vom DDR-Kulturministerium, dem Ost-Berliner Magistrat und den Bezirken im Ostteil Berlins bisher verwaltet worden sei, "ist ein unübersichtliches und verstrüpptes Geflecht kultureller Einrichtungen, Zuständigkeiten, personeller und finanzieller Ausstattung", schrieb der zuständige Abteilungsleiter im März 1990 in eine behördeninterne Bestandsaufnahme hinein. Haushalts- und Bewirtschaftungspläne seien nicht existent oder würden der Kulturverwaltung nicht vorgelegt; lediglich in einen rudimentären Haushaltsplan des Friedrichstadtpalastes sei Einsicht gewährt worden. "Sachliche, nachvollziehbare Kriterien für die Personalbedarfszumessung gibt es nicht."

Mit anderen Worten: Mit ihrer respektablen Kulturlandschaft hinterließ die DDR ein schweres finanzpolitisches Erbe. Die laufenden Betriebskosten der Theater und Museen waren horrend hoch und viele Gebäude dringend sanierungsbedürftig. Bei der Museumsinsel, der Neuen Synagoge, dem Deutschen Dom, um nur ganz wenige, prominente Beispiele zu nennen, hatten bereits zu DDR-Zeiten die Instandsetzungsarbeiten begonnen. Der Bund sprang kurzfristig ein, aber mit der zugesagten Übergangsfinanzierung für Ost-Berlin und die ostdeutschen Länder konnten nur die schlimmsten Löcher gestopft werden. Kaum hatte die Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums Gelder zugesagt, wurde die Zusage vom Bundesfinanzminister schon wieder dementiert. Es wurde gefeilscht wie unter Pferdehändlern.

Dem Senat blieb letztlich nichts anderes übrig, als die Kultureinrichtungen und -projekte im Ostteil der Stadt teilweise abzuwickeln. Jene Einrichtungen, die erhalten blieben, vom Deutschen Theater bis zum Tierpark, sollten laut Senatsbeschluss vom Oktober 1990 einem "organisatorischen und personellen Umstrukturierungsprozess" unterworfen werden. Dies könne Jahre dauern, ahnte der Senat schon im Vereinigungsjahr. Er konnte nicht ahnen, dass die angestrebten Strukturreformen mit dem Ziel, die Kulturlandschaft finanzierbar zu halten, zehn Jahre später immer noch nicht greifen.

Unterfinanzierung der Staatstheater; "flächendeckende Schäden" durch pauschale Sparmaßnahmen; "kaum überwindliche Engpässe im Personalbereich"; die Drohung von Intendanten, Berlin zu verlassen; nicht vollzogene Rechtsformänderungen der Einrichtungen; mangelnde finanzielle Unterstützung durch den Bund - damit wurde 1993 die Schließung des Schiller-Theaters vom Senat schriftlich begründet. Ein Trauerspiel, das seit 1990 en suite aufgeführt wird. Immerhin wurden die staatlichen und privaten Bühnen 1994 verdonnert, eine betriebswirtschaftliche Kostenrechnung einzuführen. Mit dem Ergebnis, dass der parlamentarische Unterausschuss "Theater" inzwischen sehr genau weiß, wieviel Geld fehlt und warum. Nur, die Misere ist damit nicht behoben. Jetzt werden wieder Strukturreformen versprochen. Bis zum Sommer 2000 muss der nächste Kultursenator ein Konzept vorlegen.

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