• Für viele sind die Pädagogen ein Feindbild, doch sie wissen oft besser als die Eltern, was dem Kind nützt

Berlin : Für viele sind die Pädagogen ein Feindbild, doch sie wissen oft besser als die Eltern, was dem Kind nützt

Harald Martenstein

Eltern und Schüler gehen auf die Straße, um gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu protestieren. Ob Förderunterricht, grundständige Gymnasien oder Zentralabitur - der Berliner Senat scheut vor klaren Entscheidungen zurück. Die Politik nimmt auf Einsprüche von Interessengruppen Rücksicht, wartet ab. Sie hat mehr Zeit als unsere Kinder. Redakteure mit Kindern schreiben, was sie erleben - und: was sie wollen.

Lernen ist gut. Bildung ist gut. Nein, nicht wegen der Karriere oder des hammerharten Kapitalismus. Sondern wegen des Menschseins. Wissen befreit, Wissen ist schön, Wissen ermöglicht kulturelle Genüsse. Wer Kindern etwas beibringt, tut folglich Gutes. Lernen kann sogar Spaß machen, manche Lehrer schaffen das.

Deswegen ist es sehr dumm, das Lernen als Leistungsdruck zu diskriminieren, und in den Lehrern vor allem Agenten des Staates zu sehen. Sicher, Lernen macht auch Mühe, aber meistens lohnt es sich. Muss man sich nicht immer Mühe geben, um etwas Schönes zu erreichen? Ich würde zum Beispiel gerne ein Instrument spielen. Ich beneide Leute, die in ihrer Jugend Klavier gelernt haben, dank ihrer bildungsbürgerlichen Familie. Meine Eltern wollten in dieser Hinsicht keinen Druck auf mich ausüben. Eigentlich schade.

Jedem nach seinen Bedürfnissen. Deshalb bin ich für Leistungsdifferenzierung. Davon haben beide Seiten etwas: Die begabten Kinder dürfen mehr und schneller lernen, und die weniger begabten oder sozial benachteiligten oder fremdsprachig aufgewachsenen Kinder können gezielter gefördert werden. Die Gegner der Leistungsdifferenzierung sind nur scheinbare Menschenfreunde. Denn erst Differenzierung macht Aufstieg möglich, zum Beispiel für Kinder aus bildungsfeindlichen Milieus. Wenn sie in ihrem Milieu bleiben, versacken sie. Wenn sie aber früh aufs Gymnasium kommen, haben sie eine Chance, sich von ihrer Familie zu emanzipieren. Denn es sind nicht immer die Eltern, die am besten wissen, was gut ist für ein Kind. Manchmal wissen die Lehrer es besser.

Lehrer nehmen den Kindern nichts, sondern geben ihnen etwas. Viele Eltern aber sehen im Lehrer vor allem eine Person, die von ihren Kindern fordert - Aufmerksamkeit, Zeit, Leistung. Gegen diese Forderungen nehmen viele Eltern ihre Kinder in Schutz. Sie sehen sich als Interessenvertreter der Kinder, in einer Auseinandersetzung mit dem Staat. Sie denken wie Gewerkschaftler, die im Tarifverhandlungen möglichst kurze Arbeitszeiten herausholen wollen. Der Staat, denken sie, soll für sein Zeugnis von meinem Kind möglichst wenig Gegenleistung kriegen. Oder sie denken wie selbstbewusste Kunden: Das Zeugnis muss möglichst billig zu haben sein.

Bei jedem Elternabend finden sich deshalb Mütter und Väter, die über das hohe Lerntempo und den vielen Stoff klagen. Das Problem sind nicht etwa die Schüler, die den Stoff nicht bewältigen, vielleicht, weil ihre Eltern sich nicht genügend kümmern. Nein, die Schule ist das Problem. Die Schule hat ihr Niveau gefälligst so weit zu senken, dass mein Sohn oder meine Tochter mitkommt.

Der Staat und viele seiner Politiker empfinden die Lehrer als lästig, weil sie viel Geld kosten. Auch eine Müllabfuhr oder eine U-Bahn oder ein Theater kosten Geld, gewiss, aber der Nutzen dieser Einrichtungen ist sofort sichtbar. Er lässt sich mit Händen greifen. Der Nutzen aber, den ein guter Lehrer bringt, ist zunächst einmal unsichtbar, er macht sich erst nach vielen Jahren bemerkbar. Die Politiker denken kurzfristig, von Wahl zu Wahl, und Lehrer passen in dieses Denken nur schwer hinein. Seine Soldaten nimmt der Staat gegen jede Beleidigung sofort in Schutz, die Lehrer nicht.

Nach der Familie, in die man als Kind hineingeboren wird, und den Freunden oder der Familie, die man sich als Erwachsener sucht, sind die Lehrer die dritte wichtige Gruppe in jedem Menschenleben. Sie gehören uns. Man liebt sie, man hasst sie, man vergisst sie nie. Ich habe meinen Lehrern viel zu verdanken. Deswegen will ich sie loben, loben, loben.Aus der Serie: Zukunft der Berliner Schulen: Grosse Pause und kein Klingeln (2)

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