Berlin : Fürbitte und Süßes für Schulanfänger

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Die Kirchgängerin hatte es diesmal nicht leicht – im Dreh des Rathauses Neukölln hatte keiner je etwas von der Wilhelm-Busch-Straße gehört, von der Evangelischen Ananias-Kiche dort schon gar nicht. Erst ein Taxifahrer fand das Gotteshaus. Das wurde 1967 erbaut und dient auch der Gemeindearbeit – hätten nicht die Glocken gestern geläutet, wäre man an dem modernen Zweckbau fast vorbeigegangen. Drinnen im Kirchensaal leuchteten bunte Kinderzeichnungen von den weißgekalkten Ziegelwänden des ansonsten eher schmucklosen Gotteshauses. „Mein Leben in 15-20 Jahren“ hatte der kleine Marco sein Bild getitelt. Ein großes Haus hat er gemalt, mit einem Auto davor und einem Springbrunnen, im Hintergrund ragen grüne Berge und Felder. „Weißt du, was ich an dieser Kirche so mag?“, fragte eine junge Frau auf einen der gruppenweise aufgestellten Stühle ihren Sprößling, „dass sie so hell und freundlich ist.“

Freundlich bot sich dann auch der Gottesdienst, in dem die Ananias-Gemeinde ihre Schulanfänger feierte. Derer gab es zwar nur drei, aber das brachte Pfarrer Hülsen nicht in Verlegenheit. Schließlich bedeute der September für alle Schüler den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Zu dem sei manchmal auch Mut nötig und Ermutigung. Dazu sollte gestern dem knappen Dutzend Mädchen und Jungen in der Kirche ein kleines Vorspiel von Konfirmanden verhelfen.

Von einer Knospe erzählte es, die lange brauchte, bis sie wagte, ihre Blumenschönheit zu entfalten. Wie diese Knospe sollten auch die jetzt eingeschulten Mädchen und Jungen ihre Gaben, die sie von Gott bekamen, entfalten, entdecken und zeigen – damit sich alle daran erfreuen, sagte Pfarrer Gottfried Hülsen. So wie gestern an den bunten Papierblüten, die die Gottesdienstbesucher allen Alters begeistert falteten und in kleine Wasserschälchen legten, wo sie – oh, Wunder – „aufblühten“. Das taten vor Freude dann auch die anwesenden Senioren – nicht eine ihrer liebevoll gebastelten Schultüten blieb übrig, als der Pfarrer diese verteilte.

Vor dem letzten Lied bat die Gemeinde Gott, die Schul- und Berufsanfänger zu behüten. Er möge sie Orte finden lassen, an denen sie so blühen dürfen, wie sie sind, und an denen sie mit der Entfaltung ihrer Gaben weiter wachsen dürfen. Die Fürbitte vergaß auch diejenigen nicht, die noch keinen Platz und keine Perspektive gefunden haben und „mit manchen Eigenarten um Verständnis ringen müssen“. Derer sind es in Neukölln nicht wenig. Heidemarie Mazuhn

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