Berlin : Fundbüros machen dicht: Kein feiner Zug der Bahn

Gerhard Politschnig

Der Auktionator holt einen Dildo aus einer Tüte und schwingt ihn über seinem Kopf. Gelächter schwillt an im Versteigerungssaal am Bahnhof in Schönefeld. "Den traut sich keiner zu ersteigern", behauptet der Mann voreilig. In der Tüte ist noch mehr Delikates, unter anderem zwei einschlägige Videokassetten. Das Publikum brüllt vor Vergnügen.

Vergessen hat die pikanten Utensilien ein Fahrgast in einem Zug der Deutschen Bahn. Acht Wochen wurden sie aufbewahrt, abgeholt hat sie niemand. Nur fünf Mark wagt der Auktionator als Ausrufpreis dafür zu verlangen. Er scheint vorerst Recht zu behalten, anfangs hebt von den rund Hundert Menschen im Saal niemand die Hand. Dann wagt es einer, der Bann ist gebrochen: Zehn, zwanzig, dreißig, doch mehr als 45 Mark will keiner dafür hinlegen. Als der Hammer das einzige Mal an diesem Nachmittag auf den Tische knallt - ansonsten wird mit dem gut ein Kilo schweren Ding nur auf die Resopalplatte getippt - bricht tosender Applaus aus.

Mit solchem Entertainment der Deutschen Bahn soll in Schönefeld Ende diesen Jahres Schluss sein: Die Fundbüros in der gesamten Republik, außer der Zentrale in Wuppertal, sollen dicht gemacht werden. Wie die Bahn diese Nachricht ihrem Publikum verkaufen wird, daran feilen gerade ihre Pressereferenten. Noch soll nichts nach außen dringen, erst im November wollen sie es verkünden. Widerstand gibt es: Die Belegschaft in Berlin wollte das nicht hinnehmen, doch auch eine Unterschriftenaktion innerhalb der Bahn, vom Betriebsrat initiiert, hat kein Gehör in den Entscheidungsetagen gefunden.

Das Fundbüro in Schönefeld leitet Petra Lenart. Sie ist, obwohl ohne Ausbildung zum Auktionator, mit ihrer Berliner Schnauze ein Naturtalent und macht ihren Job gerne. "Wir sind hier mit unseren Kunden schon eine Familie geworden. Es kommen viele Vorruheständler mit kleiner Brieftasche, auch welche, die auf der Straße leben und einen Schlafsack oder ein Gewand für ein paar Mark brauchen. Und viele alte Leute, die fast nie was ersteigern, mir aber sagen, dass diese Unterhaltung ihren langweiligen Alltagstrott aufhellt."

Bei Frau Lenart im Fundbüro landeten neben den üblichen vergessenen Koffern schon die obskursten Dinge: Krücken, Rollstühle, Gebisse, selbst Kinderwagen. Nie gemeldet hat sich der Fahrgast, der eine Urne, gefüllt mit den Überresten eines Menschen, im Gepäcksnetz liegen ließ. Die kam allerdings nicht unter den Hammer, sondern auf einen Friedhof.

Die Stimmung im Saal in Schönefeld sinkt wieder. Am Ausgang stehen mehrere Männer, jeder von ihnen ersteigert mehrere Handys für einen Pappenstil. Als ein Mann, der sich alle Fahrräder unter den Nagel reißt, einen Drahtesel an den Handymännern vorbeischiebt, schnauzt ihn ein älterer, auffällig gepflegter Herr an: "Schau, schau, die Fahrradmafia!" Der Angesprochene reagiert nicht, sucht sich verkrampft und schweigsam einen Weg durch die Menge. Der ältere Herr ist offensichtlich sauer: Eine junge Frau hat vorhin mitgehalten und ihm das wie neu glänzende Schmuckstück, das im Laden mindestens 1000 Mark wert ist, für 270 Mark vor der Nase weggeschnappt. Nach der Auktion zieht der Herausgeputzte kleine Schächtelchen aus der Jackentasche und versucht, vergoldeten Schmuck loszuwerden. "Der Ring kostet nur 70 Mark, mit echten Steinen."

Für 50 Mark bekommt gerade ein bescheiden gekleideter Mann einen Koffer voller Winterhosen, -jacken und -westen von Petra Lenart ausgehändigt: "Hast du ein Glück: Musst du dir mal vorstellen, die hat jemand im Juli im Zug vergessen." Nach Wuppertal, wo wahrscheinlich in Zukunft die Versteigerungen stattfinden werden, wird dieser Mann sicher nicht fahren. Auch nicht die alten Damen, die Abwechslung suchen und mal einen Schirmständer für drei Mark mitnehmen. Im November und Dezember haben sie noch das Vergnügen.

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