Berlin : Funkelnder Schmuck unter Neonröhren

Katharina Voss

Schlichte Uhren mit Lederarmband liegen neben rot funkelnden Rubinringen, in allen denk- und undenkbaren Farben glitzern Schmetterlingsbroschen mit schweren Goldcolliers um die Wette: Der Schmuck, den das Auktionshaus Prucha gestern zur Vorbesichtigung ausstellte, reizt die Besucher zu den unterschiedlichsten Kommentaren. Ein ehrfurchtsvolles "wirklich schön" ist da zu hören, aber auch "wie aus dem Automaten, bloß das Kaugummi fehlt".

Von den älteren Frauen, die hier im Laufe des Vormittags auftauchen, kennen sich viele. Und so erinnert die Atmosphäre in der Rankestraße eher an einen Kaffeeklatsch als an einen Geschäftstermin. Die Damen - von denen keine übermäßig viel Schmuck trug - tauschten Urlaubserlebnisse aus, berichteten von den Enkelkindern und probierten fast nebenbei den einen oder anderen Ohrclip, Ring oder Armreif an.

Einige wenige Männer waren deutlich als Begleitpersonen zu erkennen, die nur selten durch Sätze wie: "Wenn Sie es umsonst reparieren, nehmen wir es" oder "das brauchst Du nicht" in das Geschehen eingriffen. Gekauft werden konnte gestern noch nicht, dafür verschwanden mehrere Zettel mit Höchstgeboten in Kowalewskis Anzugtasche. "Die Sachen sind dann so gut wie gekauft", erklärt der freundliche Mann mit dem runden Gesicht, "das Geschäft wird auf der Auktion in Vertretung durchgeführt".

Das überwiegen weibliche Publikum kommt vor allem aus dem Westteil der Stadt. "Es gibt Damen, die schon von Anfang an dabei sind", erklärt Horst Kowalewski, Inhaber des traditionellen Hauses, Und das heißt, seit ziemlich genau 50 Jahren: Prucha, das einzige auf Schmuck spezialisierte Auktionshaus Deutschlands, wurde am 9. Oktober 1949 gegründet. Rund sechs Mal im Jahr wird versteigert "schon immer" im Hotel Kempinski.

"Damals wurde der Schmuck auf dem Breitscheidplatz schwarz verkauft", erinnert sich Kowalewski an die Anfänge des Hauses vor fünfzig Jahren, "und die Juweliere hatten Angst um ihr Geschäft und liefen Sturm gegen das Auktionshaus." Der 61-Jährige übernahm das Geschäft nach dem Tod des Inhabers in den sechziger Jahren. Ein feines Lächeln macht sich auf seinem Gesicht breit: "Mittlerweile schicken die Juweliere uns ihre Kunden, wenn sie etwas verkaufen wollen", erklärt er, und seine braunen Augen funkeln hinter der dicken Brille.

Nicht geändert haben sich seit 1949 die Räume in der Rankestraße. An der graumelierten Tapete hängt ein Geweih, von der Decke baumeln zwei Leuchter: Neonröhren an geschwungenen Messingarmen. Anlässlich des Jubiläums hat jemand eine goldene 50 aus Pappe an die Wand gepinnt. Und auch wenn der Teppich in der Zwischenzeit einmal ausgewechselt wurde, die dunklen Vitrinen an der Wand sind ohne Zweifel noch von dem Gründer des Hauses, dem Goldschmied Jan Prucha aufgestellt worden. "Eigentlich sind ja die Möbel der Grund, warum ich noch keine neuen Räume gesucht habe", gibt Inhaber Kowalewski zu. "Das Ganze passt so nur hierhin. Wenn ich umziehe, geht das nicht mehr. Dann muss ich alles neu kaufen." Im Hotel Kempinski werden heute ab zehn Uhr die Ringe, Ketten und Colliers versteigert. Die Schätzpreise liegen zwischen 500 und 50 000 Mark.

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