Fußball-EM : Ein Sieg am Ende eines heißen Tages

Gelungener Auftakt: 2:0 gewinnt die deutsche Nationalelf ihr erstes EM-Spiel gegen Polen. Den Sieg bejubeln Fans dicht an dicht vor den Bildschirmen. Auch Berlins Kroaten feiern fröhlich.

Fußball EM Foto: dpa
Jubel in Berlin. Der Erfolg des deutschen Teams wurde am Sonntag ordentlich gefeiert. -Foto: dpa

BerlinEs war das erste Spiel der Deutschen - und sogleich gab es den ersten Autokorso am Kurfürstendamm in Schwarzrotgold: Die Straße war blockiert, die Menschen tanzten auf den Autos, Fangesänge überall, Motorradfahrer ließen ihre Motoren aufheulen und juchzten laut. Den Auftakterfolg feierten die Berliner in lauer Nacht in der aufgeheizten Stadt. Auf den Bürgersteigen fielen sich die Fans in die Arme - dort, wo wegen der dicht gestellten Stuhlreihen beim Openair-Fußballgucken sowieso vielerorts kein Durchkommen mehr war. Es gab Feuerwerk in Tiergarten, und auf der Schlesischen Straße in Kreuzberg hupten sichselbst die Taxifahrer in einen Feierrausch: Berlin beamte sich zurück ins WM-Jahr 2006.

Auch in der Location „Fuhrpark“ vom Radiosender Fritz, dem Magazin Zitty und dem Tagesspiegel an der Treptower Arena jubelten 1500 Besucher dicht an dicht vor der Riesenleinwand. Irokesenbürste auf dem Kopf, Bier in der Hand - und Freude im Herzen ob des 2:0. Da wurde der ein oder andere Zaun oder Blumenkübel überrannt, um dabei zu sein. Voll wie auf einem Rathausvorplatz war es in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Und im Zoo spielte selbst Eisbär Knut Fußball wie Artgenossin Flocke in Nürnberg - ganz Deutschland im Fußballfieber. In der Britzer Kolonie „Kleeblatt“ hatten es sich Kleingärtner für einen langen Fußballabend lauschig eingerichtet. An jedem zweiten Auto entlang der Gradestraße hingen die Deutschlandwimpel. Fahnen waren gehisst wie an einem Marinestützpunkt. Das große Problem überall: Auch beim späteren Spiel Deutschland - Polen war es noch zu hell, um Open Air vor der Laube zu gucken. Kleingärtner Uwe Spiekermann musste von der Terrasse aus die erste früh vergebene Torchance der Deutschen auf dem Fernseher in der abgedunkelten Hütte mitansehen.

Bei vielen der etwa 35 000 Polen in Berlin spielte Fußball am Sonntag eigentlich eine geringe Rolle. Traditionell feiern sie am 8. Juni die Heilige Kommunion, nach der Kirche wird in der Familie getafelt. Demonstrativ hatte die Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin zum „gemeinsamen Gucken“ ins Haus des Sports eingeladen. „Wir wollen auch ein versöhnliches Zeichen setzen, nachdem die deutsche Nationalmannschaft in der vergangenen Woche in dem polnischen Boulevardblatt ,Superexpress’ so heftig beleidigt wurde“, sagt der Vorsitzende Christian Schröter. Da hielt auf einer Karikatur der Trainer der polnischen Nationalmannschaft die abgeschnittenen Köpfe von Bundestrainer Joachim Löw und dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Michael Ballack, am Schopf.

Null zu Eins verlor Polen bei der WM 2006 gegen Deutschland. Leider gab es „keine sportlich-faire Revanche“, wie sie sich Schröter gewünscht hatte. Seine Gesellschaft hat eine Dokumentation über den deutsch-polnischen Spieleraustausch erstellt: Mehrere Nationalspieler Polens treten sonst für Bundesligamannschaften an. Auch im „Haus des Sports“ am Olympiastadion war eine Leinwand gespannt, hier erprobte die Deutsch-Polnische Gesellschaft praktische Völkerverständigung: Rund 300 Polen und Deutsche gucken das Match. So verfolgten auch Lukasz, gebürtiger Pole, und Jan aus Berlin am Bundespressestrand das Spiel Arm in Arm. Unweit der beiden hielt Besucher Phil v. Sassen seinen Beagle „Aibo“ mit Hawaiiblumenkettchen in Schwarzrotgold auf dem Arm. Ärgerlich nur, dass die Leinwand kurz vor Schluss versagte. Im „Klub der Polnischen Versager“ an der Ackerstraße in Mitte nahm man alles „nicht so bierernst“, meinte Clubbetreiber Adam Mousorksky. Satiriker kommentieren das Spiel auf der Leinwand.

Freude hatten die Gastgeber hingegen beim Auftakt am Sonntag kaum. In Berlin hatte im österreichischen Restaurant „Jolesch“ an der Muskauer Straße in Kreuzberg die Wirtin Edith Berlinger das Spiel über einen TV-Beamer aufs weiße Leintuch über einem Gemälde an der Wand geworfen. „Die Spieler essen zu viel Kaiserschmarrn, denen geht zu früh die Puste aus“, so ihre Erklärung . Da tröstete auch kaum, dass Wien eine üppigere Fanmeile als Berlin zustande gebracht hat: Teile des Wiener Rings sind gesperrt, sogar das Burgtheater ist umzäunt. Dessen Vorstellungen fallen wegen der EM komplett aus.

Die rund 11 500 in Berlin heimischen Kroaten waren hingegen bester Laune. Im Café Monaco an den Kreuzberger Yorckbrücken lagen sich die Fußballfans schon am frühen Abend nach ihrem Sieg gegen die Österreicher in den Armen. (AG/cs/dma/kög/loy/wie)

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