Fußball-EM : Im Austria-Trikot in die Pilskneipe

Die Berliner bereiten sich auf das EM-Spiel gegen Österreich vor. Fahnen werden gehisst, Großbildfernseher in Position gerückt, Bier kaltgestellt. Doch was machen eigentlich die 8676 Österreicher in der deutschen Hauptstadt?

Ingo Wolff
oesterreich fans Foto: dpa
Feiern können die Österreicher - jedenfalls in Österreich. Wie das in Berlin klappt, wird sich zeigen. -Foto: dpa

BerlinWenn ein Österreicher in Berlin früher Heimweh hatte, dann musste er ins Exil gehen. So hieß die legendäre Kneipe des Austroexilanten und Schriftstellers Oswald Wiener in Kreuzberg. Nach dessen Abwanderung in den Achtzigern kämpfen heute rund zwei Dutzend Restaurants und Cafes mit österreichischem Einschlag um dessen Nachfolge, der Treffpunkt mit Heimatgeschmack für die Exilgemeinde in Berlin zu sein.

Wieners Tochter Sarah ist dabei sicher die herausragendste kulinarische Vertreterin ihres Heimatlandes. Doch ausgerechnet vor dem großen Spiel heute gegen Deutschland (20.45 Uhr, live in der ARD) wird im Restaurant der Starköchin am Hamburger Bahnhof kein Österreichgefühl aufkommen. Das Haus bleibt wie jeden Montag geschlossen. Für die 8676 in Berlin lebenden Österreicher, so viele sind es laut Statistischem Jahrbuch, ist das jedoch kein Engpass. Sie werden sich einfach normal unter die Deutschen mischen, wie sie es auch sonst das ganze Jahr tun. Viele Österreicher in Berlin pflegen jedoch auch fern der Heimat ein enges Netzwerk zu ihren Landsleuten, wie auch die Medienvertreter mit ihrem regelmäßigen Stammtisch, und suchen daher auch am Montag in österreichischen Lokalen mögliche Jubelverbündete.

Jubeln am Bundespressestrand

Nina Genböck geht mit ihrem deutschen Freund ins Jolesch in der Muskauer Straße. "Er hat uns Österreich-Trikots gekauft, glaubt aber an ein 5:1 für die deutsche Mannschaft", sagt die Geschäftsführerin einer PR-Agentur. Auch im Austria in der Bergmannstraße wird man zum Schnitzel XXL rot-weiß-roten Jubel geboten bekommen, wenn es denn Grund zum Jubeln gibt. Schon zum letzten gemeinsamen Testspiel am 7. Februar hatten sich etliche deutsch-österreichische Fangemeinschaften vor dem Fernseher gebildet. Den Sieg der Deutschen nach einer starken ersten Stunde der Österreicher nahm man damals gemeinsam gelassen. Es ging ja noch um nichts. Doch auch diesmal darf man sich als Piefke gefahrlos unter die Österreicher begeben. "Es wird sicher ein Spaß geben, aber verbissen sehen wir das sicher nicht", sagt Nina Genböck.

Ein Großteil der Community wird am Montag allerdings in der Botschaft in der Stauffenbergstraße sein. Die Handelskammer feiert ihr traditionelles Sommerfest und hat natürlich auch eine große Leinwand aufgebaut, sagt Amelie Schönbaumsfeld von der Botschaft. Besonders in der Wirtschaft sind die Österreicher stark. Bei den im Berliner Handelsregister eingetragenen ausländischen Unternehmen stehen die Österreicher zahlenmäßig an zweiter Stelle hinter der Türkei (deren Landsleute allerdings ein paar mehr Fähnchen in der Stadt herumfahren).

So richtig glauben mag man an die Sensation aber noch nicht. "Das wird eher eine klare Sache, aber immerhin haben die Österreicher nichts zu verlieren", sagt Volker Obermayr vom ORF. Er wird am Montag für das Fernsehen nicht aus den österreichischen Enklaven berichten, sondern vom Bundespressestrand. Weil es da vermutlich mehr Jubel gibt, glaubt der.

Fußballkneipentipps im Netz: www.tagesspiegel.de/em2008

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