Berlin : Fußball-Europameisterschaft für 19 Berliner nur am Fernseher

Werner Schmidt

Meldeauflagen: Polizei verbietet gewalttätigen Fans die Reise zu den VorrundenspielenWerner Schmidt

19 Berliner Hooligans werden zumindest die Vorrunde der Fußballeuropameisterschaft im Juni nur im Fernsehen erleben. Die Polizei hat gegen sie Meldeauflagen verfügt. Danach müssen sie sich zu vorgegebenen Zeitpunkten auf ebenfalls vorgeschriebenen Polizeiabschnitten melden, teilte Dieter Rieck gestern mit. Der Erste Polizeihauptkommissar leitet die Landesinformationsstelle Sport (LIS) bei der Berliner Polizei. Im Vorfeld sei bei 92 der insgesamt 330 als gewaltbereit eingestuften Hooligans geprüft worden, ob sie mit Meldeauflagen von der Reise zur Fußball-EM abgehalten werden sollen, sagte Rieck.

An den Tagen, an denen die Deutsche Mannschaft ihre Vorrundenspiele bestreitet, müssen sich die 19 in der Zeit von 18 bis 20 Uhr melden. Ob die Auflagen gegen die bekannten Hooligans verlängert oder aufgehoben werden, hänge vom Verlauf der Europameisterschaft ab, sagte die Leiterin der Arbeitsgruppe Hooligans in der Polizeidirektion 2, Iris Tappendorf. So sei es nicht ausgeschlossen, dass gegen weitere Hooligans Meldeauflagen verfügt werden. Zudem seien die Unterlagen über 13 in Berlin aufgefallene gewalttätige Fußballfans aus Brandenburg an die Polizeibehörde des benachbarten Bundeslandes weitergeleitet worden. Welche Maßnahmen allerdings dort getroffen wurden oder noch werden, ist nicht bekannt.

Um das Reiseverbot der Hooligans auch durchsetzen zu können, hätten die Niederländischen und Belgischen Behörden zugesagt, ihre Grenzposten zu besetzen, sagte Tappendorf. Seit dem Abkommen von Maastricht gibt es normalerweise an den Grenzübergängen der Unterzeichnerstaaten keine Kontrollen mehr. Das Landeseinwohneramt hat den 19 Betroffenen eine Verfügung zugeschickt, in denen sie darüber informiert werden, dass der Geltungsbereich ihrer Pässe und Personalausweise eingeschränkt wurde und diese für die Dauer der Europameisterschaft nicht für Belgien und die Niederlande gelten. Möglich wurde dies, wie berichtet, durch eine am 11. Mai in Kraft getretene Änderung des deutschen Passgesetzes.

Die 330 Berliner Hooligans, die von der Polizei in der Kategorie C als "gewaltsuchend" eingestuft wurden, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, einige sind Familienväter und "ganz normale Bürger", sagte Iris Tappendorf. Allerdings hätten sie ein merkwürdiges Hobby: sie suchen die gewalttätige Auseinandersetzung mit auswärtigen Hooligans. Allerdings bedeute Hooligan zu sein nicht, gleichzeitig auch der rechten Szene anzugehören, sagte Tappendorf. Nur ein geringer Prozentsatz könne der Neonaziszene zugerechnet werden.

Häufig geht Gewalt in Fußballstadien einher mit ausgedehntem Alkoholkonsum. In der vergangenen Saison nahm die Polizei bei insgesamt 29 Spielen der 1. Bundesliga, der Champions League und bei DFB-Pokalendspielen 355 Personen fest. Fast 70 von ihnen waren so angetrunken, dass sie 1,3 Promille oder mehr hatten. Es seien aber auch bereits Fans festgenommen worden, die bis zu drei Promille hatten, sagte Iris Tappendorf.

"Alkohol ist ein wesentlicher Grund des Übels", beklagte gestern Polizeivizepräsident Gerd Neubeck, der bei seiner früheren Tätigkeit als Staatsanwalt in Nürnberg auch mit Hooligans zu tun hatte. Die Polizei hat ihre eigene Strategie entwickelt, um potenzielle Gewalttäter vom Olympiastadion fernzuhalten: "Wir haben das Vorfeld des Stadions bis zum Stadtrand ausgedehnt," sagte Klaus Keese. Er ist als Leiter der Polizeidirektion 2 (Spandau, Charlottenburg, Wilmersdorf) auch für die Sicherheit in und um das Olympiastadion zuständig.

So werden zu wichtigen Fußballspielen die Fans bereits an den Stadtgrenzen von der Polizei empfangen. Erkennbar betrunkene Fans, die gewalttätig werden könnten, gelangen gar nicht erst ins Stadion. Im vergangenen Jahr sei mit der frühzeitigen Festnahme von 147 Hooligans eine Prügelei größeren Ausmaßes in Berlin verhindert worden. Viele überlegten sich nun ernsthaft, ob sie zu Spielen nach Berlin reisen, denn die konsequente Art des Durchgreifens der hiesigen Polizei habe sich herumgesprochen: "Wenn es in der Hooliganszene heißt, nach Berlin fahren wir nicht mehr, dann ist unser Ziel erreicht", sagte Keese.Mehr zum Thema unter

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben