Fußball-WM : Partymeilen gibt es nie genug

Berlins Fanfeiermeile? Das ist der Ku’damm. Doch auch die Schönhauser Allee holt neuerdings auf. An Staus an Spieltagen mit deutscher Beteiligung wird man sich aber gewöhnen müssen. Auch die BVG nimmt es gelassen.

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Ob auf dem Kurfürstendamm oder an der Schönhauser Allee - die Fans feiern den Sieg der deutschen Mannschaft.
Ob auf dem Kurfürstendamm oder an der Schönhauser Allee - die Fans feiern den Sieg der deutschen Mannschaft.Foto: ddp

Ab 22.25 Uhr geht auf der Kreuzung Schönhauser Allee, Ecke Danziger Straße nichts mehr. Zwischen das Vuvuzela-Getröte und die „Dschlaaand“, na ja, Gesänge, mischen sich mit lautem Knall Silvesterböller. Einige weichen noch erschrocken zurück, die große Mehrheit jedoch tanzt ungeniert auf der Straße, pfeift, klatscht und schreit den 1:0 Erfolg gegen Ghana frei heraus. Wenn Deutschland siegt, verwandelt sich der Verkehrsknotenpunkt um den U-Bahnhof Eberswalder Straße zur Fanmeile. Die feiernden Fußballfans machen die Schönhauser Allee zum Ku’damm des Ostens, zu einer Art Miniaturversion des fast schon traditionellen Jubelfestes in Charlottenburg.

Ob die Insassen des Busses am U-Bahnhof Eberswalder Straße das wussten, lässt sich nicht mehr sagen. Spätestens jedoch, als sie umringt von hunderten Menschen im schwarz-rot-goldenen Siegestaumel zum Anhalten und Aussteigen gezwungen wurden, dürften sie es geahnt haben. Etwa 800 Menschen blockierten bis Mitternacht die Kreuzung. Die Polizei ließ sie gewähren und regelte nach Kräften den Verkehr. Busse wurden umgeleitet, der Tramverkehr war unterbrochen. „Bei so was räumen wir nicht“, erklärte ein Polizeisprecher. „Da ist Fingerspitzengefühl gefragt.“ Und auch BVG-Sprecher Klaus Wazlak sagte, er halte „Wasserwerfer für eine unangemessene Reaktion.“ Dennoch, so richtig zufrieden kann die BVG mit der neuen Partylocation im Herzen Prenzlauer Bergs nicht sein. „Wir akzeptieren, dass die Leute feiern, aber wir würden uns wünschen, dass sie es nicht auf der Straße tun.“ Dabei blieb am Mittwoch alles friedlich. Beim letzten Spiel gegen Australien kletterten Fußballfans auf Busdächer, schlugen gegen die Scheiben. Einige Fahrer berichteten sogar, es seien Rauchbomben in die Fahrgasträume geworfen worden. Diese Beschädigungen seien natürlich zu verurteilen, sagt Wazlak. Generell könne man aber nichts gegen spontane Zusammenkünfte ausrichten. Das sei eben „der Preis der Großstadt.“ Den Public-Viewing-Veranstaltern macht er derweil keinen Vorwurf. In jeder Bar, in jedem Späti stehen hier Großbildfernseher. Die Kulturbrauerei lockt mit bis zu 4000 Besuchern die meisten Fans nach Prenzlauer Berg.

Lächerlich wenig, verglichen mit der Fanmeile auf der Straße des 17. Juni, wo etwa 200 000 das Spiel verfolgten. Sofort nach Abpfiff versammelten sich laut Polizei bis zu 6500 Fans auf dem Ku’damm. 150 mit Flaggen und Seitenspiegelschonern in Deutschlandfarben geschmückten Fahrzeuge bildeten einen Autokorso. Erst gegen 2 Uhr nachts, als die Stadtreinigung die Straße wieder befahrbar gemacht hatte, konnte der Verkehr freigegeben werden. Das Resultat einer „fröhlichen und ausgelassenen“ Feier, wie ein Polizeisprecher am Donnerstag Morgen bilanzierte. Friedlich sei alles gewesen. Nur im Märkischen Viertel lieferten sich 60 Jugendliche ein Scharmützel mit der Polizei. Und auch die 74 Personen, die die Polizei im Zusammenhang mit dem Fußballspiel wegen Körperverletzung, Diebstahls oder Beleidigung festnehmen musste, können das friedliche Fanfest in ganz Berlin kaum überschatten.

An die Staus an Spieltagen mit deutscher Beteiligung wird man sich aber gewöhnen müssen. „Das lässt sich leider nicht vermeiden“, sagt Claudia Lehmann, Sprecherin der Kulturbrauerei. Und sogar BVG-Sprecher Wazlak nimmt die neue inoffizielle Fanmeile auf der Schönhauser Allee gelassen. „Wenn Deutschland bei der WM ausscheidet, wird sich das Problem von selbst lösen“, sprach’s und lässt vermutlich zum ersten Mal die Berliner hoffen, dass Busse und Bahnen noch lange zu spät kommen.

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