Berlin : Fußballfanin: Meine Freundin Hertha

Tanja Buntrock

Anneliese Oelschlägers Gegner sind diesmal grün und stinken angeblich nach Fisch: Werder Bremen ist da. Block 7, Reihe 20, Platz 18 - seit elf Jahren jubelt die 62-jährige Kreuzbergerin von diesem Sitz im Olympiastadion aus ihrer Hertha zu, knautscht Glücksschweinchen und Teddies, singt, schreit und schimpft. "Vorher treffen wir uns immer beim Bierstand von Klaus", erzählt sie. Wie die meisten hier, ist auch Anneliese Oelschläger Mitglied im "Fanclub Berlin". Küsschen, Umarmung, Fragen nach der Zeit und dem nächsten Auswärtsspiel: Hier ein Schwätzchen, dort ein Plausch.

Im Gewusel vor dem Rang leuchten Anneliese Oelschlägers silbergrauen Haare, unter ihrer Trainingsjacke blitzt das hellblaue Auswärtstrikot der Herthaner hervor. "Ich trage immer das Auswärtstrikot, weil das schöner ist als die Heimtrikots, diese grauen Lappen", mosert sie, "das machen viele Fans so. Beschwert über die neuen Dinger haben wir uns auch schon." Zum Anpfiff knautscht sie nochmal ganz fest ihr Schweinchen.

Wenn Anneliese Oelschläger nicht gerade im Stadion sitzt, schnibbelt sie in ihrer Kreuzberger Zweizimmerwohnung Zeitungsauschnitte der Spiele aus und heftet sie in Klarsichtfolien-Ordnern ab. Von jedem Hertha-Tor sammelt sie Zeitungsfotos. Natürlich schenkt sie sich Kaffee aus einer Hertha-Kanne in einen Hertha-Becher ein. Im Flur läuft man über einen dunkelblauen Teppich mit Hertha-Aufdruck, in der Küche hängen Hertha-Topflappen, Hertha-Platzdeckchen und Wimpel. Eine Ecke ihres Schlafzimmers schimmert blau-weiß. Dort hängen vor allem Fotos, die Anneliese Oelschläger mit Spielern zeigen. Auf dem Schrank liegen Hertha-Fußbälle, drinnen stehen Gläser mit dem Mannschaftslogo.

Zwei bis drei Mal in der Woche fährt sie zum Training der Herthaner. Meistens mittags oder nachmittags, denn "vormittags ordnet Herr Röber meist Waldläufe an". Anneliese Oelschläger sagt "Herr Röber" und "Herr Hoeneß". Das klingt respektvoll, fast ein bisschen unterwürfig. Bei Wind und Wetter steht sie eingehüllt in ihrem Hertha-Schal am Zaun - fast immer bewaffnet mit Autogrammkarten.

Fast alle Spieler kennen ihren Namen, sie duzen sie sogar. Das ist für Anneliese Oelschläger ein "Zeichen von Anerkennung". "Ich duze auch fast alle." Besonders ans Herz gewachsen ist ihr Christian "Fiedel" Fiedler, der Ersatztorwart. "Ein sympathischer Junge, richtiger Berliner", schwärmt sie, "der ist immer höflich." Es tut ihr Leid, wenn der 25-Jährige wieder nicht mitspielen darf.

Im Laufe der Jahre hat Anneliese Oelschläger einiges über Fußball gelernt. "Man diskutiert natürlich viel vor und während des Spiels. Und man hört auch mit, was die Männer so reden." In den sechziger Jahren ist sie oft mit ihrem Mann zu Hertha gegangen. Natürlich nicht so oft, schließlich hatte sie noch ihre drei Kinder zu versorgen.

Bei Hertha hängengeblieben

Als junges Mädchen war sie leidenschaftliche Seglerin, in Grünau. Doch dann kam die Mauer "und die Segelclubs am Wannsee waren uns zu teuer." So blieb sie beim Fußball hängen. Schuld sind ihr Mann und ihr ältester Sohn, der schon als kleiner Junge gekickt hat. Damals gab es noch nicht sehr viele Frauen, die mit ins Stadion kamen, "aber das hat nie Probleme gegeben. Damals nicht, und jetzt erst recht nicht", betont sie. Ihr Mann habe das immer unterstützt.

1992 kam Oelschlägers dann die Idee, in den Fanclub-Berlin einzutreten. "Immer zu den Auswärtsspielen, das war uns oft zu anstrengend und zu teuer." Vor vier Jahren ist Anneliese Oelschlägers Mann verstorben. Seitdem hat sie noch mehr Zeit für die Hertha. 42 Mark Fanbeitrag zahlt sie im Jahr. Dafür wird von denen alles organisiert: Auswärtsfahrten, Ausflüge, Weihnachtsfeiern. 594 Mark kostet die Dauerkarte, nicht wenig für eine Rentnerin. Doch für einen Vollblut-Fan ein Muss.

Dennoch: Ihre Kinder, ihre Familie geht ihr über alles - gleich danach kommt Hertha BSC. "Was soll ich sonst machen? So habe ich immer etwas zu tun als Fan." Viel Zeit für anderes bleibt nicht. Neben den Heim- und Auswärtsspielen, die sie immer besucht, außer "wenn ich mal für mehrere Wochen in Mallorca oder anderswo bin", steht viel auf dem Programm: Hallenturniere, DFB-Pokal, Wohltätigkeitsspiele, Championsleague, Nationalmannschaft und Freundschaftsspiele. Chelsea, Famagusta, Barcelona: Anneliese Oelschläger ist immer dabei. In ihrem Wohnzimmerschrank stapeln sich Video-Bänder mit Aufzeichnungen der Hertha-Spiele. Dahinter steckt System, denn der Stadionbesuch allein reicht nicht aus. "Wenn es da eine unklare Situation gab, dann sehen wir das auf der Tribühne nicht so genau." Daheim spult sie dann die Video-Kassette zurück und schaut nochmal genau nach. Handspiel oder nicht? Das lässt ihr keine Ruhe.

Nebenbei schreibt sie für das "Fan-Echo" eigene, kleine Geschichten. "Erlebnisse, die wir bei Spielen hatten oder mal ein Interview mit einem Spieler." Das ganze Drumherum, was das Fansein mit sich bringt, macht ihr besonders Spaß. "Es geht immer lustig zu." Nur vor wenigen Wochen nicht. Am 18. Oktober war ihr Anrufbeantworter schon vollgesprochen, als sie nach Hause kam. "Hast Du gehört, Carsten Grab ist tot", knarzte es. "Ich war total geschockt, habe im Viedeotext die Meldung aufgerufen."

Carsten Grab war Hertha-Fanbetreuer und hat sich am Abend des 17. Oktobers das Leben genommen. "Tja, warum, weiß keiner so richtig", rätselt sie. Beim ersten Hertha-Spiel nach Grabs Tod musste sie mit den Tränen kämpfen. "Die Stimmung war schon sehr bedrückend. Aber über die Hertha-Tore haben wir uns trotzdem gefreut. Die waren ja auch Carsten gewidmet." Gestern hätte er Geburtstag gehabt. Anneliese Oelschläger ist zu seinem Grab gefahren und hat ein paar Rosen niedergelegt. "Das ist das Mindeste, was man als Fan machen kann", findet sie.

Hertha hat Bremen mit vier zu eins geschlagen und steht ganz oben. Am Dienstag fährt sie nach Polen zum Championsleague-Spiel. "Das Leben geht eben weiter", sagt sie.

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