Fußballfreies Berlin : Abseits der Fanmeile

Entspannen, staunen, ins Museum gehen – wo man heute während des WM-Viertelfinales ganz für sich sein kann.

F. Ataman,M. Mamonova
Die Stille während des Spiels. Hunderttausende werden an diesem Sonnabend mitzittern, wenn die deutsche Nationalelf im Achtelfinale gegen Argentinien alles geben muss. Alle anderen können dann die Ruhe in der Stadt auskosten: ob beim Besuch von Aussstellungen wie der Topografie des Terrors, beim Einkaufsbummel auf dem Ku’damm oder einfach beim Abhängen an einem dieser heißen Hundstage. Fotos: Kai-Uwe Heinrich (2), Günter Peters
Die Stille während des Spiels. Hunderttausende werden an diesem Sonnabend mitzittern, wenn die deutsche Nationalelf im...

Vergangenen Sonntag war es wieder einmal soweit: Während die (gefühlte) ganze Stadt das phänomenale 4:1 der deutschen Nationalelf in Südafrika bejubelte, konnten weniger fußballbegeisterte Berliner leere Straßen, Plätze und Parks bestaunen. Wer sich die Aufregung um die Fußball-Weltmeisterschaft sparen will, muss auch heute in der sonst so hektischen Stadt gar nicht so weit gehen. Garantiert ruhige, fußballfreie Zonen ohne Wartezeiten gibt es ab 16 Uhr an diesen Orten und Sehenswürdigkeiten:

Kino: Lust auf eine Kinovorstellung als VIP? Dann ist heute Ihr Tag. In den Yorck-Kinos zum Beispiel wird der Projektor angeschmissen, „auch wenn nur ein Zuschauer kommt“, verspricht ein Mitarbeiter. Da stört auch eine kleine Verspätung nicht. Extrem komfortabel und in grölfreier Atmosphäre kann man auch Wunschstreifen aus Hollywood in Multiplex-Kinos sehen. Die Betreiber von Cine-Star empfehlen da etwa „Für immer Shrek“, der seit Mittwoch läuft und meist ausverkauft ist. Heute ist eine gute Sicht auf die dreidimensional ausgeleuchtete Leinwand garantiert. Und wer sich die beste Freundin schnappt und in „Sex and the City II“ schleppt, hat sogar gute Chancen auf eine Privatvorstellung auf Großleinwand.

Ausstellungen: Die schlechte Nachricht zuerst: Das Pergamon- und das Neue Museum werden heute laut Besucherdienst genauso lange Wartezeiten haben wie sonst. Die meisten Besucher haben vorab gebucht. Jetzt die gute Nachricht: Die Frida-Kahlo-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau kann man heute besichtigen, ohne von einer Menschenmasse weitergeschoben zu werden. So gemütlich wird es hier erst wieder beim (hoffentlich) nächsten Deutschlandspiel zugehen. Wer sich selbst ein Urteil darüber bilden möchte, ob der „Mann mit dem Goldhelm“ von Rembrandt ist oder nicht, ist in der kühlen Gemäldegalerie bis 18 Uhr willkommen. Andere heiße Tipps mit kühler Klimaanlage vom Besucherdienst: Altes Museum mit neuer Ausstellung über „Etrusker und Römer in Berlin“ (bis 18 Uhr), Bode-Museum und die Alte Nationalgalerie.

Genießen: Beim letzten Deutschlandspiel standen gerade einmal drei Leute vor der sonst stark frequentierten Florida-Eisdiele in Spandau. Heute ist wieder ein guter Tag, um den aufwendigsten aller Eisbecher – den „Sugar Love“ für zwei – zu bestellen. Mit viel Glück gibt es den schon nach fünf Minuten. Und wer die Feinkostabteilung des KaDeWe mal ohne nervige Mitkundenmassen erleben will, begibt sich einfach gemächlich in die oberen Etagen. Auf die Konsum-Idylle anstoßen kann man an einer der vier Champagnerbars. Perlendes aus Glas, statt Bier aus Plastikbechern!

Bundestag: Die Besucherschlange vor dem Westportal reicht normalerweise über die Treppenstufen bis auf die Wiese vor dem Reichstag runter. Es kann schon mal zweieinhalb Stunden dauern, bis man der Verwandtschaft die gläserne Kuppel präsentieren kann. Nicht so beim letzten Deutschlandspiel: Da kamen von 160 angemeldeten Besuchern gerade einmal 30. Und auch sonst interessierte sich zu dieser Zeit kaum jemand für die Tagungsräume der Volksvertretung. Für heute kündigt der Besucherdienst des Parlaments sagenhafte drei Minuten Wartezeit an. Allerdings gibt es einen Haken: Wer von der falschen Seite kommt, muss sich erst durch die überfüllte Fanmeile durchkämpfen und mitfiebern.

Schwimmen im Freien: Eine halbe Stunde vor dem letzten Deutschland-Anpfiff standen Mütter mit Kindern vor dem Prinzenbad Schlange, rund 4000 Besucher kamen. Die Betreiber der Berliner Badeanstalten waren überrascht, dabei ist das Freibad an einem sonnigen Spieltag die natürlichste Alternative für Mütter und Kinder, denen der Mann, beziehungsweise der Vater in der Kneipe abhanden gekommen ist. Wer sich sportlich betätigen und in Ruhe seine Bahnen schwimmen will, kann das im Olympiastadion-Bad. Hier sind die Tribünen gesperrt und die Liegewiesen weit entfernt. Ein Dorado für Familien mit ganz Kleinen ist das Sommerbad Monbijou in Mitte, ohne Fußballtrubel, und ohne die üblichen Freizeitrowdies mit ihren Wasserbomben. Für Naturliebhaber empfiehlt sich das Strandbad Grünau, mit schönem Strand und Blick auf die Regattastrecke und Müggelberge.

Reisen: Wie wäre es mit einem Ausflug an die Ostsee? Oder auf den Spuren Tucholskys nach Rheinsberg? Oder aber auch in Fontanes Geburtstadt Neuruppin? Wohin auch immer die Reise geht, zwischen 16 und 18 Uhr gibt es garantiert kein nerviges Gedränge auf der Autobahn. Erfahrungsgemäß fahren hier nur noch Einzelne, die es nicht zum Anpfiff nach Hause geschafft haben. Sind die letzten von ihnen an der Ausfahrt abgebogen, heißt es „freie Fahrt voraus!“. Wer nicht selbst ans Steuer will, kann auf den Zug ausweichen. Heute – und nur heute – gibt es bei der Deutschen Bahn freie Platzwahl. Hat man sich auch noch in einem Ruhewagen ohne Handy-Gebrauch niedergelassen, kann man sehnsüchtig aus dem Fenster blicken und träumen. Reisen kann immer noch schön sein.

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