Berlin : Fußgängerbrücke stürzt in S-Bahnhof Karlshorst

Ein Mann stirbt, ein zweiter wird schwer verletzt, als bei Bauarbeiten eine sieben Tonnen schwere Stahlkonstruktion zu Boden kracht. Nach dem Unfall ermitteln nun die Kriminalpolizei und das Landesamt für Arbeitsschutz.

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Außenarbeiten. Vor einer Woche entstand dieses Foto, als mit einem großen Kran gearbeitet wurde. Das Unglück hingegen ereignete sich bei Arbeiten mit kleinerem Gerät in der Bahnhofshalle. Foto: Florian Schuh/dpa
Außenarbeiten. Vor einer Woche entstand dieses Foto, als mit einem großen Kran gearbeitet wurde. Das Unglück hingegen ereignete...Foto: picture alliance / dpa

Die Erde erzittert, und mit lautem Dröhnen stürzt das sieben Tonnen schwere Brückenteil zu Boden. Fast sechs Meter tief sinkt es im Inneren des S-Bahnhofes Karlshorst, und mit ihm stürzen Bauarbeiter auf die Erde. Zwei Männer werden schwer verletzt, einer von ihnen erliegt noch am Abend im Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn (UKB) seinen schweren Beckenverletzungen. „An einen Unfall dieser Dimension bei Bahnbauarbeiten in Berlin kann ich mich nicht erinnern“, sagte der frühere Berliner Feuerwehrchef und jetzige Leiter des Technischen Hilfswerks, Albrecht Broemme, am Samstagabend. Jetzt ermitteln die Kriminalpolizei und das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi) wegen des Arbeitsunfalls. Die Experten überprüfen die Baufirmen und auch die vorbereitenden Maßnahmen der Deutschen Bahn.

Die Bauarbeiten an der Fußgängerbrücke fanden innerhalb der umfangreichen Modernisierung am alten Nadelöhr Treskowallee in Lichtenberg statt. In den vergangenen Tagen wurden außerhalb des Bahnhofs neue Brückenteile mithilfe eines Riesenkrans eingehoben. Doch im Inneren eines Gebäudes kann natürlich kein Kran dieser Größe arbeiten, und so errichteten die Arbeiter eine Flaschenzugkonstruktion mit so genannten Dreibeinern. Das tonnenschwere Brückenteil wurde aufwärts gezogen, laut Feuerwehrsprecher Jens-Peter Wilke war schon fast oben angekommen, als um 17.10 Uhr eine der nach oben spitz zulaufenden Halte- und Hebekonstruktionen nachgab. Das Brückenteil riss die Männer auf ihrer Arbeitsplattform mit in die Tiefe.

Rund 20 Bauarbeiter der Firma Hochtief sind in der Bahnhofsvorhalle im Einsatz, als das Unglück geschieht. Das Opfer, das später verstirbt, wird mit einer schweren Beckenfraktur per Rettungshubschrauber ins Unfallkrankenhaus in Marzahn geflogen. Wie alt er war, ob er Familie hinterlässt, war am späten Samstagabend nicht zu erfahren. Der zweite Schwerverletzte kommt mit dem Helikopter ins Vivantes-Klinikum Friedrichshain. Der 1969 geborene Mann erlitt schwere Verletzungen an der Wirbelsäule. Wie es ihm ging und ob er in Lebensgefahr schwebte, war am Sonnabend nicht zu erfahren. Ein weiterer Bauarbeiter wird leicht verletzt, will sich aber nicht in Behandlung begeben.

Die Kollegen sind sichtlich geschockt von dem Unglück. Einige sitzen mit hängenden Köpfen im nahe gelegenen „AS Döner“, schweigend, sie trinken Kaffee. Andere ziehen sich in die Baucontainer zurück. Derweil dröhnen die Generatoren am S-Bahnhof Karlshorst, den Abend über sind insgesamt 40 ehrenamtliche Fachleute der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) von den Ortsgruppen Lichtenberg und Treptow-Köpenick im Einsatz. Die Szenerie mit dem in 45-Grad-Schräglage herabhängenden Brückenteil wird am späten Abend dank der Generatoren mit Flutlicht grell ausgeleuchtet. Mittendrin steht Martin Steuer, seit 33 Jahren beim THW. „Ich habe schon viel gesehen“, sagt Steuer betroffen, „aber so etwas noch nicht erlebt.“ Derweil sammeln sich Schaulustige vorm Bahnhof, sie haben von dem Unglück gehört, stehen jetzt mit ihren Handykameras da und filmen.

Der Chef des THW, Albrecht Broemme, hat andere Sorgen. Seine Ehrenamtlichen in Berlin „sind auf Anforderung der Feuerwehr“ im Einsatz. Auch er hat sich informieren lassen über das etwa 15 Meter lange Bodenteil der Fußgängerbrücke, die die Bahnhofsvorhalle überspannen sollte, damit die Fahrgäste von einem Gleis zum anderen kommen. So schildert es ein Sprecher der Deutschen Bahn dem Tagesspiegel. „Die neue Brücke sollte eingeschwenkt werden“, sagt Broemme. Dann geschieht das Unglück.

Später versuchen die THWler, mit Holzkonstruktionen und so genannten Erdnägeln, das noch an einem Dreibein hängende Stück zu sichern – damit es nicht auch noch abstürzt oder in sich zusammenfällt. Plötzlich kracht es extrem laut, alle zucken zusammen. Es ist aber zum Glück nur das heftige Gewitter, das am späten Abend über Berlin tobt, mit Blitz und Donner.

THW-Chef Broemme erinnert sich noch lebhaft an die Sirenen, als sich 2006 beim Bau vom Einkaufszentrum „Das Schloss“ in Steglitz ein selbst aufbauender Kran zerlegte. Und bei Bauarbeiten am S-Bahnhof Frohnau ist 2010 der Kranaufsatz eines Lastwagens auf das Dach des Gebäudes gestürzt. Aber so etwas wie jetzt in Karlshorst, das gab es noch nicht. Gegen 21 Uhr kommt der Bauprüfstatiker. Die Experten leuchten mit Taschenlampen von oben auf das herabhängende Brückenteil. Gegen 21.20 Uhr ist der Regionalverkehr wieder komplett freigegeben, die Züge auch in Richtung Frankfurt/Oder können wieder durchfahren. Die Gleise liegen vom S-Bahn-Verkehr getrennt, diese Züge fahren weiter nicht, stattdessen gibt es wie zuvor Schienenersatzverkehr mit Bussen. Laut Bahneinschätzung besteht durch die Vibrationen keine Gefahr für die Stabilität auf der Unglücksbaustelle. Bahnexperten lassen sich mit Hebebühnen aber hoch in Richtung der Brücke fahren, über die die Züge rollen. Auch sie prüfen dort mit Taschenlampen, ob möglicherweise die Brücke über die Treskowallee in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Auch für die Fachleute des Lagetsi ist es ein aufreibender Abend. Sie forschen nun nach Auskunft von Lagetsi-Pressesprecher Harald Henzel, welche Firmen an den Arbeiten beteiligt sind, ob sie alle Maßnahmen sicherheitsgemäß getroffen haben, ob alle technischen Geräte den Vorschriften entsprechen. Alle gehen von einem Arbeitsunfall aus, auch laut Polizei besteht kein Verdacht auf einen Anschlag.

Bei der Bahn machte man sich in der Nacht zu Sonntag schon Gedanken darüber, ob das herabgestürzte Bauteil möglicherweise weiterzuverwenden ist. Über eine potenzielle Unterstützung der Hinterbliebenen des Todesopfers konnte ein Sprecher noch keine Aussage machen.

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