Berlin : Gabriele Krüger (Geb. 1954)

An den anderen Heimbewohnern vorbei, rollt sie in die Welt hinaus

Kirsten Wenzel

Das Bild zeigt ein kleines Mädchen im Pünktchenkleid. Es lächelt mit großen braunen Augen offen in die Welt hinein. Nichts von Grenzen, vom Anderssein. Nichts davon, dass das Mädchen, kaum dass es laufen gelernt hatte, es wieder verlernte. Nichts von Armen, die zu schwach sind, um einen Rollstuhl mit eigener Körperkraft voranzubringen.

Die Muskeln des Mädchens wachsen nicht. Im Gegenteil, sie werden langsam schwächer. Lange Untersuchungen in der Charité muss Gabi immer wieder erdulden. Sie mag diese Wochen im Krankenhaus nicht. Doch zumindest ist da noch ein anderes Kind auf dem Zimmer, Gela aus Treptow, genauso alt wie sie. Seit ihrem vierten Lebensjahr kennen sie sich.

Auch Gelas Beine sind gelähmt, auch sie hat nur wenig Kraft in den Armen. In ihrem Krankenhauszimmer reden und träumen sie, denken sich Spiele aus. Stundenlang schießen sie sich Luftballons zu, treffen mit immer größerer Präzision das Bett der Nachbarin. „Es war ja auch niemand da, der sie für uns hätte aufheben können“, erinnert sich die Freundin, „also musste das einfach klappen.“

Besonders freuen sich die Mädchen, wenn Gabis Vater zu Besuch kommt. Er ist gehörlos, mit Ende 50 kein ganz junger Vater, ein sanfter Clown, gutmütig und fröhlich wie Pan Tau. Er ist der größte Held für seine Tochter Gabi, er bezaubert die Mädchen in ihren Betten mit kleinen Jonglierkünsten. Wenn ein Ball so unglücklich hinter das Bett kullert, dass ein Besen nötig ist, um ihn hervorzuholen, dann bindet er sich zwei Handtücher um die Hüften, um als Frau verkleidet ins Frauenbad zu huschen, wo sich die Putzkammer befindet. Die Mädchen kringeln sich vor Vergnügen.

Wieder zu Hause, schreiben sie sich Briefe. Manche davon sind zehn Seiten lang. Sie handeln von allerlei Kinderkram und immer wieder vom Glauben an Gott. Gabi ist von klein auf evangelisch geprägt, gefasst und zugleich kämpferisch, eine besondere Kraft leuchtet aus ihr heraus, die ihre Freundin, selbst voller Zweifel, nicht kennt, aber gern verstehen würde.

Gabi hat viel Zeit zum Briefeschreiben in der Hochparterrewohnung in Weißensee. Ihre Tage verbringt sie in einer Sofaecke, mit Blick auf die Apfelbäume vor dem Fenster. Ein Hauslehrer kommt und unterrichtet sie bis zur achten Klasse. Der Vater arbeitet in einer Gärtnerei. Als sie 14 ist, stirbt er. Die Mutter, selbst schwach und schwerhörig, schafft es nur mit Mühe, ihre Tochter morgens aufzurichten und abends wieder hinzulegen. Zweimal in der Woche, mithilfe der Nachbarn oder des Hausmeisters, der Holzbohlen über die zehn Treppenstufen legt, kann Gabi die Wohnung mit ihrem Rollstuhl verlassen. Es sind genau diese zehn Stufen, die das von Liebe geprägte Zuhause ihrer Eltern für sie zu einem Käfig werden lassen.

Sie ist 16, als man ihr das nach Hause bringt, was den sozialistischen Staat zusammenhält: Arbeit. Mit den Worten „Kannst du bis 50 zählen?“, stellt ein Betreuer ihr einen großen Sack mit kleinen Plastikspießen hin, die sie in Tüten zu sortieren hat. Gabi wundert sich, dass eine solche Arbeit nicht von Maschinen erledigt wird. Doch sie beschwert sich nicht. Während des Sortierens hört sie begeistert Hörspiele, schaut Serien und Filme.

Ein erster Schluck Freiheit: Mit 18 fährt sie zu einer zehntägigen evangelischen Rüstzeit; Bibelarbeit, Ausflüge, gemeinsames Singen am Lagerfeuer. Endlich Kontakte mit Gleichaltrigen! Danach beginnt sie eine fünfjährige Ausbildung als Gemeindehelferin. Die Kirche wird ihr zweites Zuhause. Doch erst, als ihre Mutter stirbt, Gabi ist inzwischen 27, beginnt ihr Leben jenseits der Sofaecke. Sie zieht in ein Heim. Davor hatte sie sich immer gefürchtet. Doch sie bekommt auch endlich einen elektrischen Rollstuhl. Mit ihm rollt sie einfach in den Fahrstuhl, vorbei an den Heimbewohnern, die in der Eingangshalle mit ihren Rollis herumstehen und den ganzen Tag lang warten, dass etwas passiert.

Gabi fährt los, in die Welt hinaus: zu ihren vielen Bekannten aus der Gemeinde, ins Theater, Kino, Konzert. Sie kommt nur noch zum Schlafen zurück. Sie will sich engagieren, das ändern, was sie stört. Sie beginnt, sich als Feministin zu verstehen, ihr Leben als körperbehinderte Frau politisch zu verstehen. Es ist eine gute Zeit dafür: Um sie herum kommt seit dem Uno-Jahr der Behinderten 1981 auch in der DDR einiges in Bewegung. Würde statt Mitleid; Echte Solidarität statt bloße Versorgung; darauf kommt es ihr an. In der evangelischen Kirche findet sie viele, die ihre Ziele unterstützen.

Bald entsteht die nächste Idee: selbstständig leben, eine WG gründen, unterstützt von einem Kreis ehrenamtlicher Helfer. Mitte der achtziger Jahre ist das noch ein Abenteuer, in der DDR gibt es keinen Zivildienst, von persönlichen Assistenten kann man nur träumen. Aber sie findet die richtigen Leute, mit denen sie in eine Marzahner Vierraumwohnung einzieht: Studenten, die sich in ehrenamtlicher Früh- und Spätschicht abwechseln, eine Untermieterin und Freundin, mit der sie, gemeinsam mit zwei weiteren Freunden, bis nach Ungarn trampt. Fotos zeigen Gabi im Rollstuhl an der Straße, mit weißem Hütchen auf dem Kopf, den Daumen hoch. Es dauerte ein paar Stunden, dann nahm ein Lkw sie und ihre Freunde mit. In Ungarn schlugen sie ihr Zelt bei einem Bauern auf. Von dieser Reise und einer späteren nach Israel hat Gabi ihr Leben lang gezehrt.

Ausflüge gaben ihr Kraft, zu Hause in Marzahn die Dinge anzugehen, die sie ändern wollte. Als ihre Kinderfreundin Gela unglücklich war zum Beispiel. Sie quartierte sie in der leer stehenden Nachbarwohnung ein, hängte an die Häuserwände schwarze Bretter mit Suchanzeigen für ein passendes Unterstützerteam und zeigte ihr, wie man mit dem E-Rollstuhl entspannt in die Marzahner Kaufhäuser fährt, ohne an Bordsteinkanten zu scheitern und Kleiderständer umzufegen. Auch Restaurants steuerten sie gemeinsam an, obwohl es Gela peinlich war, dass Leute aufstehen und mit ihren Stühlen beiseiterücken mussten. Gabi sagte: Wir müssen uns nicht schämen. Wir haben ein Recht darauf, hier zu sein!

Sie gehörte zum Stadtbild der Marzahner Straßen: eine kleine, zierliche Frau mit schwarzen Haaren im riesigen Rollstuhl, 1,45 Meter pure Energie. In der Gemeinde Marzahn-Nord war sie angestellt, betreute den Jugend- und später den Seniorenkreis. In den Wendejahren gründete sie gemeinsam mit anderen den Verein „Miteinander unterwegs – Gemeinschaft der Roller und Latscher e.V.“ und organisierte Rüstzeiten und Seminare für Menschen mit und ohne Behinderung. „Was bedeutet lebendig sein?“, war das Thema der Rüstzeit in Speyer 2002, die sie leitete. Für die Seminarunterlagen hatte sie aufgeschrieben, was für sie das gute Leben ausmachte: der Geruch von Erde und Wasser, Skat spielen, zusammen James-Bond- Filme schauen und Bier trinken, in den Fluss spucken, beim Tagesausflug dem Klang der französischen Sprache lauschen. Auch das Baden in warmem Wasser gehörte dazu, das kostbare Weiche genießen, die Abwesenheit von Schmerz. Etwas, das nur selten und mit großem Aufwand möglich war.

Sie wagte es zu träumen, bis es wehtat. Berührt werden, Zärtlichkeit und Sexualität. Hatte sie nicht auch ein Recht darauf, sich zu verlieben? Sie sah, dass sie die Leute erschreckte, überforderte, sie weinte heimlich, teilte ihren Liebeskummer nur mit ihrer Freundin. Doch zu verzweifeln an dem Blatt, das Leben ihr auf die Hand gegeben hat, ihren Körper ablehnen, der immer weniger wurde, der sich so schnell eine Bronchitis fing, das kam für sie nicht infrage. Sie wollte das Leben leben, das sie hatte. Sie wollte, dass es ein gutes Leben ist.

Die heftigen Bauchschmerzen, unter denen sie litt, erwähnte sie ab und zu. Doch zum Arzt ging sie nur, wenn es nicht mehr auszuhalten war. Das Leben drumherum war einfach wichtiger: Ausflüge nach Dresden, Arbeit in der Flüchtlingshilfe, eine Fahrt auf dem Hausboot auf der Havel. Ihr Kalender für dieses Jahr war voll mit Plänen und Projekten. Sie wollte nichts davon verpassen.

Dann ging plötzlich alles sehr schnell. „Es gab keine Zeit zum Abschiednehmen“, sagt die Freundin.

So bleiben die Lebenden zurück, mit der Aufgabe, so zu leben, als wäre Gabi noch da. So zu leben, wie Gabi leben wollte: einfach gut.

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