Berlin : Gala im Science-Fiction-Aquarium

Bernd Matthies

Nein: Sabine Christiansen war nicht da am Samstagabend, Klaus Wowereit auch nicht. Die offensiven Hedonisten, die sich zum "Grande Finale" des Davidoff-Gourmet-Festivals bekennen, sind eher in der zweiten bis dritten Prominenz-Reihe anzusiedeln; das hochglamouröse Ehepaar Borer-Fielding bildete eine Ausnahme, war aber wohl vor allem in offizieller Mission erschienen. Denn das Davidoff-Festival, verkörpert durch Reto Gaudenzi und bereichert durch eine Reihe Schweizer Köche, ist eine Art eidgenössische Außenpolitik mit kulinarischen Mitteln.

Doch ebenso, wie die stets schwer bewunderte Shawne in Wirklichkeit eine nur oberflächlich europäisierte Texanerin ist, klemmen auch bei der Schweizer Küche die Schubladen: Franz Fäh, der Küchenchef von Badrutts Palace Hotel in St. Moritz, muss immer leicht grinsen, wenn man von ihm Rösti und Fondue erwartet. Er war sieben Jahre in Asien und kochte zur Gala, folgerichtig, einen fetten australischen Krebs mit Thai-Curry; umgekehrt ließ Justin Quek, der Mann aus Singapur, eine Creme von Räucheraal mit Kaviar servieren.

Man sieht: Dies ist nicht die Zeit gastronomischer Gewissheiten, ausgenommen vielleicht jener, dass Eckart Witzigmann, unterstützt vom Adlon-Chef Karlheinz Hauser, unweigerlich einen altmeisterlichen und - streng genommen - etwas altmodischen Hauptgang servieren wird: in diesem Fall ein perfekt gelungenes Rebhuhn-Crepinette mit Trüffelsauce. Man ahnt nun, dass es angesichts von über 450 Portionen mit dem Rebhuhn-Nachschub in Mitteleuropa für die nächsten Wochen schwer werden wird.

Die Gesamtbilanz: Acht Gänge von achtzehn Köchen, dazu hinterher Pralinen, genug für die Zeit zwischen halb acht und viertel nach zwölf, angenehm sättigend und eine gute Grundlage für die sich unmittelbar anschließende Nacht, die vom Entertainer Alex mit unerbittlicher Unvermeidlichkeit beschallt wurde. Überhaupt ist es ja stets die größte Überraschung, dass das Hotel Intercontinental einen Tag nach dem Bundespresseball offenbar keine Probleme hat, noch eine Gala ähnlicher Größenordnung zu zelebrieren. Generaldirektor Willy Weiland wirkt auch meist recht entspannt, vermutlich, weil die so genannten Synergie-Effekte zwischen beiden Veranstaltungen nutzbringender sind, als der Laie denkt: Die Blumen auf den Tischen konnten gleich stehen bleiben, und die Wandmalerei vom Ball, eine Art Science-Fiction-Aquarium, bildete auch für die Moderatoren und Musiker des Finales einen rätselvoll-dekorativen Rahmen.

Eingebürgert fürs Davidoff-Festival hat sich die Video-Wand, die jedem Gast Einblick in die Küche gibt und zeigt, dass Großverpflegung dieser Art vor allem Fließbandarbeit ist. Am Ende, beim Abholen des verdienten Beifalls, schien es, als seien annähernd so viele Köche im Haus gewesen wie dankbare Esser. Auch in den nächsten Jahren wird es in Berlin ein Davidoff-Festival geben. Das ist gut, weil Veranstaltungen dieser Größenordnung gut sind für den Ruf der Stadt als Erlebniszentrum. Diesmal war es freilich so, dass draußen in den beteiligten Restaurants die Berliner Köche ihren Gästen meist ein Stück voraus zu sein schienen, handwerklich, vom Ideenreichtum. Das kann bedeuten, dass die Berliner nun mal so toll sind. Oder, dass die Gastköche eben, mit Ausnahmen, noch nicht den internationalen Rang haben, der von einem Festival dieses Anspruchs zu erwarten wäre. Keiner der Top Ten aus der Schweiz trotz starker Präsenz des Landes, aus Amerika nur eine konzerninterne Hotel-Verbindung - und an Drei-Sterne-Stars wie Alain Ducasse oder Ferran Adriá ist sowieso nicht zu denken.

Das Festival hat sein Ziel, einen Überblick über die internationale Spitzenküche zu geben, nicht wirklich erreicht. Im nächsten Jahr wird es auch wieder auf Sylt, dazu erstmals in Kitzbühel und Las Vegas stattfinden. Mal sehen, was dann für Berlin übrig bleibt.

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