Galerie Wedding : Kunst aus Lagos

In Lagos betreibt er einen Projektraum, jetzt beobachtet er die Kunstszene in Berlin. Der nigerianische Kurator Folakunle Oshun im Gespräch.

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Der Künstler und Kurator Folakunle Oshun aus Lagos in Nigeria ist derzeit zu Besuch in Wedding.
Der Künstler und Kurator Folakunle Oshun aus Lagos in Nigeria ist derzeit zu Besuch in Wedding.Foto: Mike Wolff

Der Künstler und Kurator Folakunle Oshun (31) betreibt den Projektraum „The Osh Gallery“ in Lagos, der Hauptstadt Nigerias. Oshun ist Teilnehmer eines neuen Residenzprogramms für junge Kuratoren, einer Kooperation der Galerie Wedding, des Zentrums für Kunst und Urbanistik und des Goethe-Instituts. Oshun lebt und arbeitet für vier Monate in Berlin (Tsp).


Herr Oshun, wie geht’s der Kunst in Lagos?
Die Szene ist sehr aktiv. Lagos gilt als eine von zwölf aufstrebenden Kunststädten der Welt, mit wichtigen Institutionen für zeitgenössische afrikanische Kunst wie die African Artists Foundation. Sammler aus dem Ausland, auch reiche Politiker kaufen in den Galerien; Künstler tauschen sich mit der internationalen Szene aus.

Sie sagen, die Europäer begegnen afrikanischer Kunst mit Vorurteilen.
Wenn Leute aus Europa in Lagos Kunst kaufen, wollen sie etwas, das ihrer Vorstellung entspricht, Skulpturen etwa, die denen aus ethnografischen Sammlungen ähneln. Mir wurde vorgeworfen, meine Kunst sei zu westlich. Aber ich bin mit CNN und BBC aufgewachsen, die Schulen haben britische Lehrpläne, ich spreche besser Englisch als meine Muttersprache. Warum sollten meine Arbeiten all das nicht spiegeln? Natürlich bedient sich die zeitgenössische Kunst auch der Tradition, aber das ist eben nur ein Aspekt.

In Berlin gibt es Diskussionen darüber, wie mit Kunst aus Afrika im künftigen Humboldt-Forum umgegangen werden soll.
Ich war im Ethnologischen Museum in Dahlem. Die Räume sind toll, nur werden die religiösen oder rituellen Objekte in einem Kontext präsentiert, für den sie nie vorgesehen waren. Ich frage mich, wie solche Museen damit zurechtkommen, dass sie teilweise auf Sammlungen geraubter Objekte gegründet sind. Niemand hat ein gutes Gefühl dabei, wie die Diskussionen um das Humboldt-Forum zeigen. Wahr ist aber auch, dass viele afrikanische Museen gar nicht die Kapazitäten haben, die Objekte aufzubewahren. Außerdem könnten sie auf dem Schwarzmarkt landen. Wir müssen gemeinsam Möglichkeiten diskutieren. „Mending History“ soll dazu beitragen.

Worum geht es in diesem Projekt mit Studierenden der Universität der Künste?
Die Studierenden stellen einen traditionellen nigerianischen Wasserkrug her und versehen ihn mit Symbolen und Sätzen, die wiedergeben, was sie als typisch afrikanisch empfinden. Bei einer Performance zerbreche ich diesen Krug, je eine Scherbe wird dann in ein Museum irgendwo in der Welt geschickt, das eine ethnografische Sammlung mit afrikanischen Objekten hat. Dort werden die Scherben ausgestellt und anschließend nach Lagos geschickt, wo Studierende den Krug wieder zusammensetzen. Eine symbolische Geste, die Geschichte quasi korrigieren soll, damit sich die afrikanische Kunst emanzipieren kann.

Mit dem nigerianischen Künstler Emeka Ogboh zeigen Sie „No Food For Lazy Man“ in der Galerie Wedding.
In der Ausstellung geht es um Essen, um ein Stück Erinnerung an die Heimat für viele Migranten. Ogboh hat zum Beispiel ein Bier mit nigerianischem Geschmack entwickelt. Auch andere Fragen spielen eine Rolle, etwa ob Migranten hier glücklich sein können oder wie sie Visa-Angelegenheiten meistern.

Und wie erleben Sie Berlins Kunstszene?
Sie ist gar nicht so anders als die in Lagos – bis auf die Dichte an kommerziellen Galerien. Es wäre schön, wenn es mehr Orte gäbe, an denen Künstler sich austauschen können.

Interview: Sabine Weier.– Ausstellung in der Galerie Wedding, Müllerstr. 146/147: noch heute, 31.10., 12–18 Uhr

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