Berlin : Galina Rave, geb. 1941

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Eines Abends im Jahr 1959 brachte sie einen jungen Mann mit nach Hause. Galina Rave wollte Buchhändlerin werden, aber ihrem Vater, einem Ofensetzer, gefiel das nicht. Der Gast sollte ihr helfen, die Eltern davon zu überzeugen, dass Büchermenschen rechtschaffene Leute sind und sogar ein anständiges Einkommen haben konnten. Er selbst hatte eine Anstellung als Lektor beim angesehenen S. Fischer Verlag; außerdem war er Doktor. Er trug eine Krawatte, war keine dreißig Jahre alt und hieß Klaus Wagenbach.

Es gelang. Im April 1959 begann Galina Rave ihre Buchhändlerlehre bei Kiepert in der Hardenbergstraße; zur rechten Zeit, am rechten Ort. Es war das Jahr der Wende in der deutschen Nachkriegsliteratur: Im Herbst erschienen "Die Blechtrommel" und Uwe Johnsons "Mutmassungen über Jakob", und Galina Rave war nun nicht länger ein lesender Zaungast, sondern mittendrin im Betrieb. Günter Grass war noch in der Stadt, Johnson kam mitsamt seinem Roman aus der DDR nach West-Berlin, Johannes Bobrowski, Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger lebten hier. Und Kiepert war nicht irgendein Buchladen, sondern ein Lieblingsort der West-Berliner Intellektuellen. Hier besorgten sie sich ihre Inspiration und ihr Wissen, ihre Debattenmunition.

Über der Technischen Universität nebenan schwebte der Geist des jungen Literaturprofessors Walter Höllerer. Wenn er im Hörsaal 3010 seine Vorlesungen zur "Sprache im technischen Zeitalter" abhielt oder das Literarische Colloquium in der Carmerstraße veranstaltete, liefen die Räume über vor Zuhörern. Stellte er an der Akademie der Künste Lyriker aus fernen Ländern vor, kamen tausend Menschen. Galina Rave war meistens dabei. Nach den Vorträgen ging die Literatenclique aus. Sie kletterten, irgendwo in der Nähe des Kottbusser Tores, über Stege und Planken, stolperten durch Hinterhöfe in einen Keller, wo sich der Kern der neuen Kulturszene traf, wieder, um Dichtern zuzuhören; zum Trinken und zum Feiern.

Morgens darauf, acht Uhr, öffnete Kiepert. Galina Rave kam notorisch zu spät, blieb dafür abends länger, oft bis zehn Uhr. Trotzdem blieb eine Menge Arbeit liegen. Vor lauter Packen, Sortieren, Betriebswirtschaft lernen, Kunden beraten und Literaturunterricht nehmen kamen die Kiepert-Lehrlinge kaum zum Lesen. Als eines Tages die Einkäuferin das Geschäft verließ und die Lehrlinge fortan auch deren Arbeit machten, wurde die Zeit noch knapper. Aber es gab eine Gegenleistung: Galina Rave und ihre Kolleginnen durften jetzt bestimmen, was in die Regale der Buchhandlung kam, die jungen Frauen wurden ernst genommen. Und weil sie ein Gespür dafür hatten, was ging und was nicht, blieben die Bücher nicht lange in den Regalen liegen.

Die Welt änderte sich. Benno Ohnesorg wurde erschossen, und das Leben fand plötzlich nicht mehr nur zwischen Buchdeckeln und auf Dichterfesten sondern auf der Straße statt. Galina Rave war da, auch ohne mit ihrer Anwesenheit auf den Demonstrationen ein präzises politisches Glaubensbekenntnis abzulegen. Sie ging raus, auch wenn sie mal nicht so ganz genau wusste, worum es ging.

Auf so einer Demo gelangte sie vor die Kamera des Fotografen Michael Ruetz, eines Chronisten der Revolte. Der machte sein berühmtes Bild. Die Arme untergehakt, marschiert ein Dutzend Menschen an der Spitze einer Demonstration über den Kurfürstendamm in Richtung der Gedächtniskirche. Szeneprominenz ist dabei. Einen Zebrastreifen zu Füßen, die Markisen vom Kranzler-Café zur Rechten, schreitet Galina im knielangen, gerade geschnittenen Pelz und mit einer Schirmmütze über den blonden langen Haaren über die kreuzende Joachimstaler.

Zu der Zeit war aus dem einstigen Lektor Klaus Wagenbach längst ein Verleger geworden. Sein Verlag war Nachrichtenbörse und Dienstleistungsbetrieb der Linken, er rüstete die Kämpfer mit der Theorie aus.

Als 1965 die ersten Wagenbach-Bücher erschienen und an die spätere Rolle des Verlages noch nicht zu denken war, klapperte Wagenbach als sein eigener Vertreter die Berliner Buchläden ab. Bei Kiepert traf er auf Galina, links hinter dem Tresen neben der Eingangstür stand sie immer. Dort fing sie die Kunden ab, dort wartete sie auch auf die Vertreter. Kaum war Wagenbach eingetreten, schickte sie ihn wieder los, er solle eine kleine Flasche "MM"-Sekt zu holen. Als er wiederkam, hatte sie ein paar Zahlen notiert, die er in seinem "Leben noch nicht gesehen hatte", wie er heute sagt: Sie orderte so viele Bücher, wie alle anderen Berliner Buchhandlungen zusammen. "F. C. Delius, na klar, da nehmen wir 60 Stück, von Kurt Wolff 50 und von Christoph Meckel 40 Bändchen, her damit." Galina Rave war froh, sich bei Wagenbach revanchieren zu können.

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